Sehen

Erinnerungen ans Lazarett

Sandro Mohn

Während der Armeezeit kam meine Hautkrankheit zurück.
Das war etwas,
was ich natürlich auch ein wenig forcierte,
weil ich damit hoffte,
entlassen zu werden
oder zumindest meinen Armeedienst etwas angenehmer gestalten zu können.

Tatsächlich bin ich dann zweimal ins Lazarett eingewiesen worden.
Einmal,
da war ich noch in Schneeberg,
und einmal dann später,
als ich endgültig an meinem Standort war –
das war im Norden von Berlin.

Das eine Lazarett war in Leipzig,
das andere in Stralsund.

Der Witz war der, dass man damals bei Hautkrankheiten mit Teersalben eingeschmiert wurde,
etwas,
was heute strikt verboten ist,
weil es ja krebserregend sein könnte.

Aber diese Medikamente waren wirklich extrem wirksam
und haben mir geholfen.

Ich habe die Zeit aber auch fast nur schlafend verbracht,
weil man ein Mittel bekam,
durch das ich von 24 Stunden 20 geschlafen habe.

Nur ab und zu war man dann wach zum Essen
oder mal zu einer Rauchpause.

Ich kann mich aber auch noch an eine Sache erinnern.

Wir haben ab und zu in dem Krankenzimmer –
wir waren mindestens sechs Patienten,
die dort lagen,
aus den unterschiedlichsten medizinischen Gründen –
angefangen,
uns Frauengeschichten zu erzählen.

Ich erzählte, dass ich bei Greifswald
in einem kleinen Dorf ein Mädchen kenne.

Dann sagte ein anderer,
ja, er kennt da auch welche.

Und dann stellte sich heraus,
wir meinen dasselbe Dorf.

Kurze Zeit später stellten wir fest,
dass es derselbe Familienname war.

Ich bin in Gedanken schon fast bei ihm gewesen,
um ihn zu würgen,
weil ich annahm,
dass er jemand ist,
der das Mädchen angefasst hat,
was ich eigentlich als meine Freundin betrachtete.

Und dann stellte sich heraus:
Nein,
er meint die Schwester.

Das gab erst mal bei mir ein großes Aufatmen.

Gut, dachte ich,
ich muss ihn also nicht verprügeln –
wobei das mit dem Verprügeln natürlich Quatsch ist.

Aber ich war doch schon ziemlich eifersüchtig gewesen
in diesem einen Augenblick,
als es hätte sein können,
dass wir dieselbe Frau meinen.

Andererseits fragte ich mich aber auch,
wie klein die Welt ist.

Denn dieses Dorf war sehr,
sehr weit entfernt,
und der Typ,
der die Schwester kennt,
kam eigentlich aus einem ganz anderen Armeeobjekt,
und es gab keinerlei Bezug dazu.

Das fand ich schon wirklich sehr merkwürdig.

Ich habe über den Zufall gestaunt,
aber der Zufall hat mich öfter ins Staunen versetzt.

Übrigens bin ich nach jeweils einer Woche
dann immer aus dem Lazarett entlassen worden.

Zur vorzeitigen Entlassung hat meine Krankheit nicht beigetragen,
aber ich wurde dann aus der Wachkompanie in den Stab versetzt
und habe dann doch ein etwas angenehmeres Armeeleben verlebt.

Aber ich musste die gesamte Zeit bei der Armee verbringen.

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