Sehen

Erinnerungen ans Radio hören

Sandro Mohn

Radio hören ist etwas,
was in meinem Leben heutzutage
gar nicht mehr vorkommt.

Früher war es so: Ich habe mich an den Frühstückstisch gesetzt,
und dort lief das Radio.

Mein Vater hatte vor mir gefrühstückt.
Wenn ich frühstückte,
saß ich also allein da,
und das Radio lief.

Es war ein japanischer Kassettenrekorder,
und es war immer der SFB eingestellt.

Man hörte frühmorgens zum Frühstück
„SFB am Morgen".

Als Schüler bekam ich dort
die neuesten Nachrichten mit,
über die man sich dann in der Schule unterhalten konnte,
beziehungsweise sich die Lehrer damit auseinandersetzen mussten,
wenn politisch wieder irgendeine Katastrophe geschehen war.

Die Lehrer versuchten dann,
es aus sozialistischer Perspektive zu beleuchten.

Ich erinnere zum Beispiel nur daran,
als die Russen
ein südkoreanisches Flugzeug abgeschossen hatten.

Im Westen wurde das natürlich
als Verbrechen gebrandmarkt,
und der Osten,
beziehungsweise die Lehrer,
wussten uns dann in der Schule zu erklären,
dass dies wiederum ganz anders zu sehen sei,
weil es ein Spionageflugzeug gewesen sei
und so weiter.

In diesem Sinne war Radio
der Reibungspunkt
zwischen der Indoktrination des Ostens
und, ich sag jetzt mal,
der Gegenrede aus dem Westen.

Heutzutage habe ich gar kein Radio mehr.
Die Nachrichten,
die früher alle halbe Stunde liefen,
hört man nicht mehr.

Man konsumiert Nachrichten
auf eine ganz andere Weise.

Es wäre auch ziemlich anstrengend.
Ich habe ja kein Radio mehr.

Ich müsste mir also
auf meinem Telefon eine App öffnen
und mir einen Radiosender auswählen.

Vorher müsste ich noch
die Werbung ertragen.

Das sind Dinge, die macht man in dieser Form gar nicht.

Früher ist man einfach zum Radio gegangen,
hat einen Schalter umgeknipst,
und bumms war der Sender da.

Es wurde auch viel mehr geredet
und viel mehr mit dem Zuhörer gesprochen.

Nicht auf diese Art und Weise,
wie es heute ist,
mit irgendwelchen Gewinnspielen,
sondern es war wirklich
ein viel anspruchsvolleres Kommunikationsmedium,
als es heute der Fall ist,
wo alles durch Privatisierung entwertet ist
und vierzig Titel in der Rotationsschleife laufen.

Es gibt sicherlich noch Sparten,
die gute Beiträge machen,
aber wer hört das noch?

Ich glaube, das ist etwas,
was im Abgesang ist –
obwohl dieses Hören ja wieder auferstanden ist
in den Podcasts.

Aber das sind alles ganz andere Formate,
die auf ganz anderen Trägermedien verbreitet werden.

Schade um dieses Radio-Feeling,
das man frühmorgens zum Aufwachen hatte
und das einen in den Tag begleitete.

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