Sehen
Erinnerungen ans Riesengebirge
Ich bin mit meinem Vater
und Bekannten von meinem Vater
ins Riesengebirge gefahren.
Da werde ich so vermutlich
neun Jahre alt gewesen sein.
Es kam ein Onkel mit,
Onkel Paul,
und seine neue Freundin,
die zwei Kinder mit
in die Ehe brachte.
Der eine Sohn – sie hatte noch eine Tochter,
aber die blieb, glaube ich,
damals zu Hause –
kam mit.
Es waren noch zwei ältere Damen,
die zu der Reisegruppe gehörten,
die wir aber nicht kannten
und die auch nicht mit uns
bekannt waren.
Die entpuppten sich aber ja
im Laufe der Reise
als angenehme Zeitgenossen,
mit denen man den einen
oder anderen Plausch machte.
Wir fuhren von Berlin aus
nach Jelenia Góra,
mit einem Barkas.
Heute weiß ich, dass das natürlich heutzutage
Polen ist,
aber es war halt früher Schlesien,
ein Gebiet –
das wusste ich als Kind nicht.
Ich dachte wirklich,
wir sind in ur-polnischem Gebiet.
Zu dem Zeitpunkt war der Krieg
so dreißig bis fünfunddreißig Jahre vorbei,
und ich glaube,
da werden noch viele Wunden
frisch gewesen sein.
Aber ich habe da ganz andere
merkwürdige Dinge erlebt.
Eigentlich, so hatte ich es aus dem Unterricht gelernt,
sind die Polen jetzt unsere Brüder,
unser sozialistisches Brudervolk –
so hat man es ja immer genannt.
Aber die Kinder waren eher aggressiv
gegen uns.
Und die Alten, die angeblich vom Zweiten Weltkrieg
traumatisiert sein sollten,
waren extrem freundlich.
Das war etwas, was ich nicht verstanden habe –
diese Umkehrung dessen,
was man vermutet.
Wir sind dort dann viel
spazieren gegangen.
Der Onkel hat mit uns beiden Kindern
auch den einen oder anderen
Männertag gemacht.
Ich glaube, er war ein begnadeter
Jungs-Unterhalter.
Wir sind dann auf irgendeinen Berg gestiegen,
der da an der tschechischen Grenze war.
Wir sind dann also einmal rüber
nach Tschechien
und haben dort auf dem Berg
in einer Baude ordentlich
Mittag gegessen
und Pepsi-Cola getrunken,
was für uns das Highlight war.
Oder es könnte sogar Cola gewesen sein,
das weiß ich nicht –
ich weiß nicht,
ob in Tschechien Coca
oder Pepsi war.
Auf jeden Fall war es also
keine Ost-Cola,
und das hat uns doch begeistert.
Dann kann ich mich noch daran erinnern,
dass es eine kleine unangenehme Situation
für meinen Vater gab.
Der Trabant eines anderen Gastes
stand da auf dem Hof,
wo wir wohnten.
Das war ein größeres Mehrfamilienhaus,
wo die Inhaber,
Pan Józef und Pani Stella,
dann immer mehrere Zimmer
vermietet hatten.
Man kann schon von einem kleinen Hotel sprechen,
oder einer Herberge
für vielleicht sechs,
sieben bis zehn Personen.
Ich und mein Kinderfreund,
der mit mir dort war –
wir haben auf die Fensterscheiben
des Trabant,
der so schmutzig war,
alle möglichen Sachen gezeichnet,
weil das fast einlud.
Der Inhaber des Trabant
war aber darüber gar nicht erfreut,
wahrscheinlich weil man dadurch sah,
wie schmutzig sein Wagen gewesen ist,
oder dass er ihn nicht gewaschen hat.
Nun gut, mein Vater hat ein bisschen gemeckert,
aber das war es dann auch schon.
Nach einer Woche sind wir wieder
nach Hause gefahren.
Es wird im Herbst oder im Frühjahr gewesen sein,
ich kann das nicht genau sagen,
aber es war eine sehr schöne Zeit.
Es gab noch etwas anderes Kurioses:
Wir sind über eine kleine Brücke spaziert,
und es hat geregnet.
Und es war genau so,
dass auf der Holzbrücke
die eine Hälfte vom Regen nass war
und die andere Hälfte trocken.
Das war auch etwas,
was ich noch nie gesehen hatte –
dass sozusagen dort wirklich
die Regengrenze gewesen ist.
Ich habe sogar noch ein kleines Bild
von dem Haus,
wo die Adresse drauf steht.
Ich habe mal bei Google nachgeschaut,
aber ich glaube,
das Haus wurde abgerissen,
und in der Zwischenzeit
haben dort die Inhaber
eine neue Baude für Touristen hingesetzt.
Was ich ein bisschen schade finde,
denn ich würde gerne noch mal hinfahren
und mir anschauen,
wo ich als Kind dort im Urlaub
gelebt habe.