Sehen
Erinnerungen ans Roulette
Anzug tragen habe ich komischerweise beim Roulettespielen gelernt.
Und das ging folgendermaßen.
Alles begann damit,
dass ein Freund eines Untermieters von mir mich zum Pferdewetten in ein Wettbüro schleppte.
Das hatte in den frühen 90er Jahren plötzlich aufgemacht.
War jetzt erlaubt.
Dort gab es viele Monitore
und man konnte auf alle möglichen Pferderennen wetten,
die gerade irgendwo auf der Welt veranstaltet wurden.
Geld setzen, gewinnen,
verlieren.
Gewonnen habe ich nicht,
aber das Thema Glücksspiel fing an, mich zu interessieren.
Ich wechselte aber vom Pferderennen zum Roulette,
weil ich mathematisch interessiert war.
Und ich dachte mir,
dass Pferderennen sicherlich manipuliert sind.
Im Gegensatz zum Roulette.
Natürlich habe ich als Allererstes beim Roulettespielen daran gedacht,
dass Verdoppeln als Strategie eine gute Idee ist.
Also das,
was man in Roulette-Fachkreisen eine Martingale nennt.
Was natürlich völliger Blödsinn ist
und in den Ruin des Spielers führen kann.
Interessanterweise gab es in Berlin zwei Roulettespielbanken.
Die eine befand sich in den 90er Jahren
oben in der obersten Etage des Hotels Stadt Berlin
– beziehungsweise zu diesem Zeitpunkt hieß es Forum Hotel –
am Alexanderplatz.
Die andere war in West-Berlin,
im Europacenter.
Der Hintergrund war,
dass in West-Berlin eine Glücksspiellizenz vorhanden war
und Ost-Berlin sich vor der Wiedervereinigung noch eine eigene Lizenz zugelegt hatte.
Sodass es in Berlin halt zwei Lizenzen für zwei Spielbanken gab.
Um allerdings reingehen zu dürfen,
also ins große Spiel,
musste man einen Anzug
beziehungsweise wenigstens einen Schlips vorweisen.
Ich hatte vorher nie Anzug oder Schlips getragen.
Das war dann für mich der Grund,
mir so etwas zuzulegen.
Und ich merkte, dass es Spaß macht,
sich so zu kleiden.
Ich bin vor kurzem nach Jahren noch mal in eine Spielbank gegangen.
Man hat die ganze formelle Bekleidungsvorschrift abgeschafft.
Jeder geht jetzt rein,
wie ihm die Schnauze gewachsen ist.
Diese Form von Etikette,
wie sie noch in den 90er Jahren üblich war,
fand ich eigentlich sehr schön.
Nun, meine Spielerkarriere war von Höhen und Tiefen gekrönt.
Ich hatte mich sehr intensiv
mit den spieltheoretischen Dingen auseinandergesetzt.
Habe meine eigenen Systeme entwickelt.
Aber um davon leben zu können,
hat es nie gereicht.
Ich glaube, am Ende gewinnt halt immer nur die Bank.
Aber es hat mir schöne Momente bereitet.
Zusammen mit meinem Spielekumpel,
mit dem ich manchen Sonntagnachmittag dort verbracht habe.
Es hatte immer eine interessante,
dekadente Atmosphäre.
Es macht schon Spaß zuzuschauen,
wenn irgendwelche Damen die Herren umschwirren,
die gerade viel Geld gewonnen haben.
Etwas von Literatur.
Ich kann mir gut vorstellen,
warum viele große Schriftsteller
viel Zeit in einem Spielcasino verbracht haben.
Eine Quelle der Inspiration
für unzählige Geschichten.