Sehen
Erinnerungen ans Tanzen
Die ersten Diskotheken habe ich im Ferienlager erlebt.
Das Kuriose war:
Je größer das Ferienlager,
desto länger dauerte es,
bis überhaupt jemand anfing zu tanzen.
Meistens war es so,
dass wir uns in einer großen Halle befanden,
in der wir zuvor gegessen hatten.
Die Tische wurden weggeräumt,
alle Stühle standen am Rand aufgereiht.
Wir Kinder saßen dann dort
und glotzten uns gegenseitig an –
die einen auf der einen Saalseite,
die anderen an den Seitenwänden.
Alle beobachteten sich,
aber niemand traute sich auf die Tanzfläche,
obwohl der DJ bereits die ersten Titel spielte.
Irgendwann fingen dann zwei Mädchen vorsichtig an,
miteinander zu tanzen.
Dann wurden es drei, vier –
und nach etwa einer Viertelstunde passierte es plötzlich:
Auf einmal stürmten alle gleichzeitig auf die Tanzfläche,
sobald sich genug Paare gebildet hatten.
Ab diesem Moment wurde dann bis Ultimo getanzt,
also bis die Ferienlagerleitung schließlich sagte:
Jetzt ist Schluss.
Für uns Jungs waren die langsamen Titel besonders interessant.
Sie erlaubten es,
sich an ein Mädchen zu schmiegen
und eng zu tanzen.
Und genau da konnte man erfahren,
wie attraktiv man für das andere Geschlecht war.
Je nachdem, ob sich das Mädchen tatsächlich an einen lehnte,
den Kopf auf die Schulter legte,
oder ob sie eher distanziert blieb
und einen ein Stück wegschob,
wusste man ziemlich genau,
wie die eigenen Chancen standen.
Bei mir war das etwa fünfzig zu fünfzig:
Fünfzig Prozent schoben mich ein wenig weg,
die anderen fünfzig Prozent schmiegten sich an mich.
Das waren allerdings die großen Ferienlager,
in denen sich die Mädchen untereinander kaum kannten,
weil so viele unterschiedliche Leute
aus verschiedenen Gegenden zusammenkamen.
Ich war später auch in deutlich kleineren Ferienlagern
mit viel weniger Teilnehmern.
Dort hatte man eine ganz andere,
viel engere Bindung zueinander.
Entsprechend war das Tanzen lockerer und einfacher.
Wenn ein Ferienlager nur aus zwölf Personen bestand,
waren die Beziehungen komplett anders,
und es dauerte natürlich auch nicht lange,
bis getanzt wurde.
In den Diskotheken lief übrigens ausschließlich westliche Musik.
Ich kann mich nicht erinnern,
dass jemals ein Osttitel gespielt wurde.
Ostmusik galt zum Tanzen als uncool.
Man konnte sie vielleicht bei einem Rockkonzert hören,
aber man tanzte nicht dazu.
Interessant war in diesem Zusammenhang das Fernsehen.
Wenn dort ein Film gezeigt wurde,
der im Osten spielte
und eine Diskothek darstellte,
lief aus vermutlich finanziellen,
aber auch ideologischen Gründen Ostmusik.
Und man wusste ganz genau:
Nein,
so war das nicht.
Das hatte mit der Realität nichts zu tun.
Es war immer ein bisschen peinlich und unangenehm,
wenn man merkte,
wie groß der Unterschied zwischen dem war,
was im Fernsehen gezeigt wurde,
und dem,
was man selbst erlebt hatte.
Diese Diskrepanz zwischen dem Gezeigten und dem Realen –
ich glaube,
die gibt es auch heute noch.