Sehen
Erinnerungen ans väterliche Kochen
Der Koch in unserer Familie
ist immer der Mann.
Mein Vater wollte eigentlich Koch werden,
aber da er ein schwaches Herz hatte,
hatte man ihm von ärztlicher Seite abgeraten.
In einer großen Küche wird es sehr heiß,
ist sehr feucht und so weiter,
das wäre für meinen Vater nicht gut gewesen.
So hat er dann das Kochen
zu seinem Hobby gemacht.
Leider habe ich von ihm
keine Rezepte überliefert bekommen.
Er ist ja vor langer Zeit gestorben,
und ich habe erst spät
seine Tradition übernommen.
Aber dafür koche ich jetzt auch gerne,
und ich habe mir meine eigenen Rezepte ausgedacht.
Mein Vater hatte sich Sachen besorgt
wie einen Römertopf,
was im Osten nicht sehr häufig war,
und hat darin gerne Sauerkraut mit Kassler gekocht,
was hervorragend war.
Oder er kochte gerne
mit einem Schnellkochtopf.
Ich weiß noch, dass in der Küche dieser Ost-Schnellkochtopf stand,
wo das Ventil oben immer hin und her wackelte.
Das war so draufgesetzt
und ließ den Wasserdampf
mit ständigem Pfeifen durch.
Sonnabends waren immer Suppen angesagt,
und sonntags gab es dann das große Essen.
Mein Vater hörte beim Kochen
immer klassische Musik,
dabei schälte er beispielsweise die Kartoffeln
oder bereitete das Fleisch vor.
Es ist bis heute so,
dass wenn ich koche,
ich mir auch gerne klassische Musik anmache
und das Ganze zelebriere.
Dann fühle ich mich immer wie zu Hause,
damals in den Siebzigern und Achtzigern.
Etwas Wichtiges bei meinem Vater
war dann auch immer noch
das Fishing for Compliments.
Wenn sich alle zum Essen hinsetzten,
sah man, wie er anfing,
betrübt dreinzublicken,
und mit gebrochener Stimme zu sagen:
„Ach, ich glaube, heute sind mir die Kartoffeln nicht so gut gelungen"
oder „das Sauerkraut ist nicht so gut geworden".
Worauf wir dann eifrigst versicherten,
dass es uns noch nie so gut geschmeckt hat wie heute
und dass seine Befürchtungen
völlig aus der Luft gegriffen sind.
Dann hellte sich sein Gesicht auf.
Man sah ihn erstrahlen,
und wir wussten,
dass wir ihm damit eine Freude machten.
Wobei das nicht gelogen war –
er hat immer hervorragend gekocht.
Nur eine kleine Winzigkeit
gab es vielleicht zu bemängeln.
Mein Vater hat immer sehr scharf gekocht.
Wenn gewürzt,
dann wusste man,
da brennt der Gaumen.
Leider ist das auch etwas,
was man ihm später vorgeworfen hat –
oder vorwerfen ist das falsche Wort.
Er hat ja dann später ein Magengeschwür bekommen
und ist daran gestorben.
Angeblich soll das von zu scharfem Essen gekommen sein,
aber ich glaube,
das war eher der psychische Stress.
Er hatte auch einen großen Hängeschrank in der Küche,
und wenn man den aufmachte,
waren dort unzählige Döschen
und sonstige kleine Behälter,
in denen Gewürze waren.
Aus diesem Schrank kam immer ein großer Duft
von den verschiedenen Gewürzen –
von Safran über alle möglichen Kräuter,
Kräuter der Provence,
und was es sonst noch so an Gewürzen gibt.
Das war seine Welt.