Sehen
Ersatzverkehr
Die Traube an der Haltestelle wächst von Minute zu Minute. Anfangs stehen so wenige da, dass man die stille Hoffnung auf einen Sitzplatz hegt. Doch diese schwindet, während einfach kein Bus auftaucht. Alle drei Minuten, wie von den Verkehrsbetrieben verkündet, ein Witz. Es sieht eher so aus, als warte man mit dem Vorfahren des nächsten Fahrzeugs so lange, bis die Menschen dicht an dicht stehen. Könnte ja auch eine Methode zum Energiesparen sein unter der neuen grünen Stadtregierung. Eine halbleere Fahrt wäre ja schlimme Verschwendung.
Heute aber muss es sein. Dringender Termin in der Stadt. Man muss mit. Sich irgendwie hineindrängeln, auch auf das Risiko hin, dass man stehen und sich an eine Stange klammern muss. Man wird hineingeschoben, Haut an Haut mit Fremden. Ein junger Mann lehnt an einer herausklappbaren Bank. Geht ja wohl gar nicht. Man spricht ihn an und er verschwindet. Ausklappen, drauffallen lassen.
Die gleiche Idee hat ein freundlicher Türke mit Hut. Etwa Ende 60, dem Sommerwetter entsprechend leger, aber nicht zu nackt gekleidet. Die Hosen sind lang, die Hemdärmel kurz. Sein Schnurrbart ist gepflegt und er lächelt. Er lässt sich neben mich fallen.
Ich verstehe ihn nur zu gut. Endlich die Sicherheit, auf der Fahrt über rund zehn Stationen nicht bei plötzlichen Bremsmanövern hingeschmissen zu werden. Wir unterhalten uns kurz, er spricht Deutsch. Er ist erfreut, dass ich ihn anspreche. Unsere Körper lehnen aneinander.
Die Fahrt wird schweigsam, aber kuschelig. In unseren Köpfen geht so einiges vor, in meinem jedenfalls. Ich mag den Körperkontakt, einfach so im Bus, mit einem Unbekannten. Schon immer hatte ich die Vision, es sollte mehr unverbindlichen Körperkontakt geben. Im Lift auf dem Weg in die Kantine wünschte ich mir das oft. Einfach den Kopf an den Oberarm des netten Kollegen lehnen, ohne Absicht, ohne Aufforderungscharakter.
Ja, ich wollte nur mit Männern Körperkontakt. Aber trotzdem nicht – nicht immer – aus sexuellen Gründen. Mich anlehnen. Etwas Last abgeben. Sympathie bekunden. Vielleicht auch über den Arm streicheln. Die Wange tätscheln.
Bein an Bein und Po an Po mit dem Türken fühle ich mich wohl. Sehr entspannt genießen wir den Ersatzverkehr. Ich nehme Schwingungen von ihm wahr, unaufdringlich, aber deutlich. Er genießt es. Wir genießen es. Gemeinsam. Und wir schauen in verschiedenen Richtungen aus dem Fenster. Es würde sonst zu viel.
Als wir alle an der Endstation des Ersatzverkehrs aussteigen, wünscht er mir noch einen schönen Tag. Und noch viel mehr. Zwischen den Zeilen. Danke sehr, für die anregende Fahrt.