Sehen
Erster Brief an Tobias
Lieber Tobias,
ich weiß nicht,
ob du dich noch daran erinnerst,
was wir einmal ausgemacht haben.
Wir wollten nur Freunde sein.
Und ich muss dir sagen,
von meiner Seite aus
war das ein aufrichtiges Versprechen.
Und nichts wäre mir unangenehmer,
als wenn du von mir etwas verlangen würdest,
was ich dir überhaupt gar nicht geben kann.
Und ich würde dich wirklich bitten,
geh tief in dich
und zwinge mich nicht zu etwas,
worüber ich gar keine Macht habe.
Ich bin noch nicht alt,
aber das soll nicht bedeuten,
dass ich blöd bin,
mein Lieber.
Und außerdem habe ich einen festen Freund.
Und dieser feste Freund
hat mich einiges gelehrt.
Unter anderem,
was es bedeutet,
wenn einer nebenbei fremdgeht.
Ich weiß nicht, wie ich es dir erklären soll.
Ich habe dieses Schicksal
nicht selbst erleiden müssen.
Aber ich habe es an anderen Paaren gesehen,
was passiert,
wenn sich eine dritte Person
in eine Beziehung einmischt.
Das ist etwas, was nicht sehr angenehm ist
und immer zur Katastrophe führt.
Also mein Lieber, Schätzsken, Knabe der Lust
ich weiß um die Dinge,
ohne dass ich jemals das Ganze ausprobieren musste
und mich diesem Kummer ausgesetzt habe.
Und ich muss dir ehrlich sagen,
ich habe große Angst,
dass du wie ein Liebhaber wärst.
Du hast mir geschrieben,
ohne dass es einen großen Anlass gäbe.
Und du hast so getan,
als würdest du Freundschaft wollen.
Aber ich spüre immer wieder den Unterton,
dass du mehr möchtest.
Und es wäre mir unangenehm,
wenn unsere Korrespondenz
in die Hände meines Freundes fallen würde.
Er könnte Dinge annehmen,
die gar nicht existieren.
Und eine Beziehung,
vor allen Dingen eine körperliche,
setzt meines Erachtens immer Liebe voraus.
Oder wenigstens den Wunsch,
Liebe zu empfangen
und Liebe zu geben.
Also ich bin sehr misstrauisch,
was deine Ambitionen betreffen.
Und ich kann dir hiermit nur sagen,
du wirst bei mir auf Granit beißen.
Mit freundlichen Grüßen,
deine Loretta