Sehen

Falsche Vertrautheit

Claudia Carl

Es ist eine kleine Theke in einer Art Wohnwagen
die Café-Stühle und -tische stehen unter freiem Himmel
aber doch beschützt von den eng stehenden Hauswänden
ein kleines unkonventionelles Café in Harajuku, einem Stadtteil
von Tokyo
Design Festa Cafe & Bar steht über der Theke
das Café gehört zur Design Festa Gallery direkt daneben
in der man kitschige Farben liebt
die Hauswände sind in hellem Pink gehalten
alle Kunstwerke sehr farbenfroh und im Manga Stil

Mir ist nicht nach Kunst
ich brauche ein zu Hause in der fremden Stadt
der Baum mit kahlen Ästen, mit leuchtenden Glühbirnen
geschmückt, dazu die kleinen Tische in Pink, flankiert von gelben
und roten Stühlen
der junge Mann hinter der Theke und vor allem die Auswahl
an kulinarischen Genüssen bieten sich an
eine Oase

Die Takeshita Street, in deren kleiner Nebenstraße
das putzige Cafe sich befindet, ist allein schon heimeliger als das
was sich meinem Auge ansonsten in Tokyo bietet
die Takeshita Street ist bunt und verrückt
hier treffen sich alle, die anders sind
Menschen die in ihren überhohen High Heels kaum laufen können
Mädchen in krass gefärbten Röcken und Haaren
Frisuren und Kopfbedeckungen denen man noch lange
nachschaut

Hier fällt es nicht auf, dass man anders ist
nicht so wie in der U-Bahn, auf den großen Straßen,
in dem kleinen Vorort wo mein Hotel ist
in den heißen Quellen namens Onsen
in den Supermärkten
selbst wenn man sich bei Starbucks daheim wähnt
ist man umgeben von schwarzen Augen, die einen seltsam
anschauen
unauffällig
im Vorübergehen

In Japan wäre ich einsam, denn es würde niemanden geben,
der sich um meine körperlichen Bedürfnisse kümmert
kein einziger Mann fällt mir in den stark belebten Straßen
ins Auge, keiner, der mich in seinem Bett wärmen könnte
niemand, mit dem ich in eines der vielen Love Hotels gehen würde
niemand überragt mich so, wie ich es brauche für sexuelle
Erregung
mir erscheinen die Männer klein und zartgliedrig
ich fühle mich dick und rund
Obwohl es im Onsen auch einen Ruheraum gemeinsam für
Frauen und Männer gibt, könnte ich mich dort nicht aufgehoben
fühlen, denn nicht einmal in Gedanken würde ich abdriften in
Verschmelzung
Die Hitze der heißen Quelle, das Yu, das heiße Wasser
in dem man gemeinsam mit den Frauen sitzt
tut gut, würde ich hier wohnen, würde ich jeden Tag kommen
aber eben nicht kommen

Der junge Mann im Café stellt mir einen Teller mit fünf kleinen
bunten Kuchenstücken hin und eine Tasse Kakao, in der ein
Marshmallow an einem Spieß steckt
die Süßigkeit auf meiner Zunge wärmt mich von innen
während ich den kühlen Sitz des Stuhls an meinen Oberschenkeln
spüre, die Jacke zuerst ausziehe, dann wieder an
ein junges Pärchen kuschelt ein paar Tische weiter
ich denke an den Rückflug

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