Sehen
falscher Zeitpunkt im Nachtclub
Stroboskopblitze hacken durch die Dunkelheit
wie ein irrer Metzger,
der versucht, die Nacht in Scheiben zu schneiden.
Der Bass hämmert mir direkt in die Magengrube,
verwandelt Knochen in Gummi
und Hirn in Matsch.
Ich stehe mitten im Gedränge,
schwitze wie ein Schwein auf dem Weg zur Schlachtbank,
und ringsum tanzen lauter Gestalten,
die aussehen, als hätten sie schon vor Stunden aufgegeben,
noch irgendwas kontrollieren zu wollen.
Arme fliegen, Bier schwappt,
irgendwer brüllt sich die Seele aus dem Leib –
und ich mittendrin,
mit einem Drink in der Hand,
den ich eigentlich gar nicht mehr will.
Dann sehe ich sie.
Seitlich, drei Meter entfernt,
kämpft sie sich durch den Pulk und Ellbogen.
Kurzer Rock, der kaum den Namen verdient,
Top, das sich an alles presst, was es zu pressen gibt,
und ein Blick, der sagt:
Heute Nacht gehörst du mir.
Sie lächelt schon,
dieses selbstsichere, leicht betrunkene Lächeln
von jemandem, der weiß,
dass er normalerweise nicht abgewiesen wird.
Und genau das ist das Problem.
Denn ich kenne sie.
Nicht namentlich, aber vom Sehen.
Sie ist die, die ich vor vier Wochen
in genau diesem Schuppen erfolgreich umschifft habe.
Damals war ich nüchtern genug,
um zu merken,
dass sie genau die Sorte Frau ist,
die am nächsten Morgen noch da ist –
und zwar nicht nur körperlich.
Die Sorte, die fragt,
ob wir nicht zusammen frühstücken wollen,
die dann die Nummer tauscht
und zwei Mal,
die nach drei Tagen anruft
und fragt, warum ich mich nicht melde,
und nach zwei Wochen vor der Tür steht
mit Tränen und Vorwürfen.
Die Sorte, die einen Kerl wie mich
innerhalb von vierundzwanzig Stunden
in eine Beziehung zwingt,
die ich nie wollte.
Heute bin ich betrunken genug,
um zu wissen, dass ich sie wollen würde.
Genau jetzt. Genau hier.
Hart, schnell, dreckig,
gegen die Wand im Hinterzimmer
oder einfach zwischen den Toiletten,
Hauptsache laut und ohne Namen.
Mein Körper schreit danach.
Mein Kopf auch.
Aber mein Verstand –
dieses letzte bisschen, das noch nicht im Alkohol ertrunken ist –
flüstert:
Finger weg, Junge.
Das ist die Falle mit den schönsten Beinen, die du je gesehen hast.
Sie ist jetzt nur noch einen Meter entfernt.
Drängt sich an mir vorbei, „zufällig“ vorbei,
streift meinen Arm, bleibt stehen.
Dreht sich um.
Lächelt wieder.
„Na, wieder hier?“
Ihre Stimme ist heiser vom Schreien gegen die Musik.
Ich nicke.
Sie kommt näher.
Ihr Parfüm mischt sich mit Schweiß und Rauch.
Sie legt die Hand auf meine Brust.
„War letztes Mal schade, dass du so schnell weg warst.“
Ich spüre, wie mein Schwanz schon zustimmt.
Mein Hirn schreit: Abhauen! Sofort!
Aber die Beine gehorchen nicht.
Sie beugt sich vor, Lippen fast an meinem Ohr:
„Diesmal bleibst du doch länger, oder?“
Und genau in diesem Moment,
zwischen zwei Bassdrops,
wird mir klar:
Das ist er.
Der falsche Zeitpunkt.
Der Moment, wo man entweder alles hinschmeißt
und morgen bereut –
oder heute bereut und morgen frei ist.
Ich nehme einen letzten Schluck,
stelle das Glas ab,
drehe mich um
und verschwinde in der Menge.
Hinter mir höre ich sie noch etwas rufen,
aber der Beat verschluckt es.
Draußen ist es kalt.
Ich zünde mir eine Kippe an
und lache leise.
Manchmal ist der größte Akt der Selbstbeherrschung
einfach nur:
Nicht ficken,
wenn einem der Arsch auf Grundeis geht.