Sehen

Familienglück

Claudia Carl

Tage wie Gummi.
Als Guntram erwacht,
nimmt er sein Handy
vom Nachtisch und schaut darauf.
Leer.
Nichts.
Keine einzige Nachricht.
Er öffnet Telegram,
in der Hoffnung auf ein paar
krasse Verschwörungstheorien,
die er mal glaubt,
mal nicht.
Aber jedenfalls bewundert er
die Verfasser.
Auf was die nicht alles kommen.
Manches kann er nachvollziehen
und glaubt es auch sofort,
hat es sich sogar schon immer
genau so gedacht.
Glauben darf man ja niemandem,
schon gar nicht Politikern.
Sei es vor oder nach der Wahl,
das kennt man ja.
Aber anderes ist ihm dann doch
zu abstrus und zu weit hergeholt.
Im wahrsten Sinne des Wortes.
Wenn jemand behauptet zu wissen,
was in Sibirien an Schandtaten
geplant ist,
dann klickt Guntram gleich weg.
Also Sibirien,
das kann ihm nun wirklich wurscht sein.
Und die angeblichen Auswirkungen
auf den Finanzmarkt will er gar nicht wissen.
Hauptsache er kann sich noch
ein paar Whiskey Cola leisten,
wenn er sie braucht.
Aber fuck,
nicht mal bei Telegram ist was los.
Sind die jetzt auch alle
in Lullapei-Stimmung
und sitze um ihre Tannenbäume?
Haben die ihre irren Theorien vergessen
oder verdrängt?
Sogar ein paar Bibelsprüche werden hier gepostet,
Mann echt,
kein Adrenalinkick.
Ans Aufstehen mag er überhaupt nicht denken.
Obwohl von unten schon verführerischer Kaffeeduft
ins Schlafzimmer steigt
und er leise Geschirr klappern hört.
Seine liebe Gattin deckt fröhlich
den Frühstückstisch,
sie hat allerlei Leckereien eingekauft.
Räucherlachs und Avocados,
die sie zu frischen Mus verarbeitet
und mit Zitrone beträufelt.
Ja, das alles schmeckt sehr harmonisch,
der Kaffee ist frisch
und reichlich vorhanden,
gleich werden auch die erwachsenen Kinder erscheinen –
24 und 27 –
die zum Heimaturlaub zu Weihnachten gekommen sind.
Sie werden ihr überhebliches Zeug labern,
was sie nicht alles wissen
über die Welt.
Und Guntram wird nur ein bisschen nachfragen,
keine Meinung dazu äußern.
Die Stimmung soll ja nicht getrübt werden.
Marie, seine liebe und treue – vermutlich – Gattin
wird herrlichen Smalltalk machen,
fragen, wer was an diesem schönen Tag vorhabe
und sich gerne dem einen oder anderen anschließen.
Mit der Tochter ein bisschen shoppen
und dann ins Café
oder mit dem Sohn zur Schlittschuhbahn,
dann einen Glühwein,
oder mit ihrem wunderbaren Mann
auf die kleine Skipiste
in dem süßen Dorf
eine Stunde entfernt
auf der Autobahn,
dann essen gehen.

29. Dezember sagt Guntrams Handy.
Er kann diese Zahlen nicht mehr ertragen.
22., 23., 24. – der allerlängste Tag –
25., 26. 27. 28. –
er fühlt sich,
als steige ihm das Wasser bis zum Hals
und immer höher
und bald werde er ertrinken,
in Wasser ersticken,
wenn er nicht etwas tue
gegen die 20er Dezembertage.
Diese Tage dehnten sich wie Gummi,
wie ausgekautes Kaugummi,
das sich ewig ziehen lässt,
Tage,
an denen diese altmodische Uhr
von der Schwiegermutter
über dem Küchentisch tickt
und tickt und tickt
und nichts geht voran.
Nein,
er würde jetzt keine WhatsApp Nachricht
an Silvia schicken.
Es hatte ja keinen Sinn,
würde ihn nur unnötig aufpeitschen.
Und seinen Schwanz nach oben schnellen lassen,
und das kurz vor dem Frühstück.
Er hatte jetzt keine Zeit mehr,
ihn zu beruhigen.
Das ging auch nicht so einfach.
Zuerst würden ihm geile Dinge
über Silvia durchs Gehirn schießen.
Er würde sich und sie in action sehen,
ihr Hecheln hören,
ihr sich steigerndes Stöhnen,
wie sie neben ihm im Bett lag,
ihren Hintern zu ihm gestreckt.
Wie er sich ihr im Schneckentempo näherte,
ihrem kleinen Loch,
dem verbotenen,
etwas,
das er heute zum ersten Mal machte,
bei Silvia.
Und das verbotene Neue schien ihr zu gefallen,
es brachte ihren Atem in Schwung….nein,
aufhören jetzt.
Es gab keine Silvia,
es gab kein verbotenes Loch,
es gab nur erlaubten und erwünschten
einvernehmlichen Geschlechtsverkehr
alle zwei bis drei Tage,
Weihnachtsferien halt.
Der Mann endlich tagelang daheim,
nicht wie sonst beruflich unterwegs
in der anderen Stadt.
Das glückliche Familienleben,
das Guntram auch liebte,
aber am liebsten auf Abstand.
Es musste gepflegt werden.
Die Freundinnen würden es sich
im neuen Jahr beim Kaffeeklatsch zuflüstern.
Habt ihr noch Sex?
Klar,
ganz oft.
Wenn Guntram schon mal da ist.

Tage wie Gummi.
Schwanz wie eine Granate.
Jetzt noch dieses Scheiß Silvester.
Am 1.1. nochmal einvernehmlich.
Am 2.1. nichts wie weg.

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