Sehen

Fitness Alter 100

Claudia Carl

Er hat ein bisschen zugenommen, das Hemd spannt mehr über dem Bauch als letztes Mal. Auch scheint es mit dem Sex ein bisschen bergab zu gehen, weil er die Beziehung zu seinem Lover, Mitte 40, als „ex“ bezeichnet. Aber es besteht doch kein Zweifel daran, dass er lebt. Sein Alter war bisher nach Adam Riese 73, aber in diesen neuen Zeiten kann man solchem alten Wissen ja nicht mehr trauen. Erst wenn die schlaue Uhr am Handgelenk es bestätigt, darf man daran glauben.
Paul trägt natürlich so ein Ding am Handgelenk. Allgemein wird behauptet, dass man davon motiviert wird. Es zählt die Schritte, teilt mit, dass der Puls 77 beträgt, also keine Gefahr besteht, und es berechnet den Kalorienverbrauch durch Bewegung und in Ruhe. Auf Pauls Uhr allerdings erscheinen auch ein paar besorgniserregende Daten, wie er an diesem Abend in der Cocktailbar demonstriert. Da wäre zum einen das Fitness Alter. Nachdem die Uhr lange behauptet hatte, er sei quasi im Grunde 69 Jahre alt, ist es vor einigen Tagen hochgeschnellt. Dort steht jetzt 100. Auch seine Body battery scheint zu schwächeln. Sie beträgt an diesem lauen Sommerabend unter freiem Himmel 17 Prozent. Bei unserem Aufbrechen nach zwei Stunden und gerade mal einem Pils pro Person ist sie schon auf 13 gesunken. „Ich hoffe, ich komme noch heil nach Hause“, sagt Paul, es soll lustig klingen, aber in Wirklichkeit machen die Daten seiner Uhr Paul auch oft sehr besorgt. Er hat Atemnot und gewisse Herzprobleme, die kein Arzt bisher genau definieren, geschweige denn heilen konnte. Wenn also sein Puls plötzlich in den Bereich seines Fitnessalters gerät, fürchtet er durchaus das Schlimmste.
Auch dass die Body battery selbst nach einer gut durchgeschlafenen Nacht nie auf 100 ist, sondern immer höchstens auf 60, gibt ihm zu denken. Der gesamte Körperzustand scheint nicht mehr so besonders. Aber das alles kann natürlich an seinem Billigmodell liegen. Er hat ja nur 169 Euro für die Uhr bezahlt, sicher ist sie nicht so ganz genau. Deshalb lieh er sich für eine Nacht die Apple Watch seines (Ex-) Lovers. Am Morgen erschien auf dem Display ein Zeichen, das aussah wie ein Totenkopf.
Er war also praktisch schon tot, kein Wunder, dass er keinen mehr hoch kriegte.
Die KI weiß eben alles, und zwar besser als so ein altmodisches Menschengehirn. „Eigentlich sollte ich die Uhr ausziehen“, sagt Paul. Er hat das schon mal ein paar Wochen lang versucht. „Da ging es mir viel besser.“ Vielleicht auch deshalb, weil auf seinem Arm nicht dieses Blinken befestigt war, das er jetzt auf der Rückseite der Uhr zeigt. Dauernde Bluetooth Beschallung kann doch auch ungesund sein, sagt man als Digital-Skeptiker.
Aber Paul schafft es nicht, das Ding wegzulassen. Er könnte ja etwas Wichtiges verpassen, womöglich sein eigenes Ableben.
Diese schlauen Uhren sind schon wunderbar. Aber eine Funktion fehlt noch. Man sollte dort ablesen können, ob man einen Orgasmus hatte oder nicht. Möglicherweise könnte man als Nutzerin das Ganze etwas manipulieren, so dass man dem Liebespartner jeweils nach dem Verkehr den roten Daumen hoch des erfolgten Orgasmus vor die Nase halten könnte. Das wäre dann eine wirklich motivierende Funktion. Für den ahnungslosen Liebhaber.

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