Sehen

Föhn

Claudia Carl

Die Menschen laufen weg
vor was?
Die Sonne scheint und warme Luft
streichelt blanke Haut
in Gesichtern und auf Händen
an Hälsen, die zwischen Schals herausschauen
an Fußknöcheln am Rand über Socken.

Viel Haut gibt es nicht an diesem Tag
denn Wintersachen werden schon getragen
Daunenmäntel und flauschige Mützen
gestrickte und geschenkte Schals
die Stiefel
jetzt ist die Zeit sich einzuhüllen
und Wärme nur für sich zu konservieren
um aus dem Bunt der Schichten
geschützt herauszuschauen
in die Welt

Da kommt ein Angriff aus dem Süden
Atome die vor Wärme rasen
prasseln auf die Köpfe ein
die sind von heut auf morgen
ganz am falschen Körper
oder doch nicht
ist es nun warm oder kalt niemand weiß es mehr
wer den Mantel auszieht friert
wer ihn anlässt schwitzt
etwas hat von dem Fleisch Besitz ergriffen
das man loswerden möchte
man rennt und rast durch die Stadt
und sieht so grausam viele Hindernisse
mit Augen und Gesichtern
mit Nasen und mit Lippen
auf einen zukommen
nicht ausweichen
denn sie sind selber auf der Flucht
und wissen nicht vor was.

Warme Atome weiß der Physiker
bewegen sich schneller als kühle
die warmen Biester, die über die Alpen eindringen
in die kalte Stadt, schlagen wild um sich
und greifen die Arglosen an
die doch gerade noch so wohlig auf sich selbst konzentriert
durch drei Grad plus geschlichen
im Geiste schon daheim am warmen Kamin
alles Außen vergessend saßen

Da springt ein Sommer einen an
den’s gar nicht geben dürfte
es strahlt vom Himmel und der Eismann
zieht schon wieder seine Rollos hoch und
die Außenstühle der Wirtshäuser
werden mit Sitzkissen bestückt
und die allergrößte Perversität
die Heizpilze
werden aufgestellt

Alle hassen es
aber alle freuen sich
und lassen sich fröhlich nieder
auf den Gasthaus-Terrassen
und holen sich den Tod beim Schwitzen
unter Hitze von oben
mit einem kalten Arsch
von wegen Freundlichkeit im Sonnenschein
die von den italienischen Atomen Gepiesackten
sind genervt
einfach nur tierisch genervt
von dem als herrlich gepriesenen
Föhn.

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