Sehen

Fragen nach der nicht vorhandenen Leidenschaft

Gernot Schwarm

Bedeutet es dir noch etwas,
wenn wir uns sehen?

Wir sind ein Paar und doch
kreuzen sich unsere Blicke
wie zwei Fremde.

Wie ein Mann und eine Frau,
die sich zufällig in der
U-Bahn gegenüberstehen.

Zusammengeschweißt auf Zeit, doch
mit dem Wissen, gleich getrennte
Wege zu gehen.

Wenn du mit mir sprichst,
wandern deine Augen über mich
hinweg.

So sieht man einen alten Bekannten
an, den man auf einer
Party wiedersieht.

Gegrüßt und stehengelassen.
Kein Funken Interesse, kein Verlangen,
keine Emotion.

Sind wir Roboter?

Du erzählst von deinem Tag,
  von der Arbeit, vom Wochenende,
  und ich nicke, lache an
den richtigen Stellen

Aber in Wahrheit bin auch ich
schon lange geistig ausgezogen.

Und ich sehne mich nach dem Chaos,
  nach dem Sturm, der alles
umkrempelt.

Aber es kommt keiner.

Unser Problem ist, dass wir
den Ausstieg verpasst haben.

Jetzt hängen wir zusammengeschweißt da
und können uns nicht trennen.

Scheidung, viel zu teuer.
Unser Leben wäre ökonomisch zerstört.

Das könnten wir uns gar nicht leisten.

Die Kinder, das Haus, die Schulden.

Was beneide ich die armen Schweine,
die kaum Kohle haben.

Zack, das Amt übernimmt auch den
kleinsten Furz.

Ein Antrag und schon geht sie
getrennte Wege.

Oder die Mega-Reichen Typen.

Eine Abfindung an Madam und das wars.

Ein Hoch auf den Ehevertrag.

Aber so etwas macht doch kein
romantisch verliebter Mensch.

Die rosarote Brille knipst doch
den Verstand aus.

Und so hängen wir hier, im Alltagstrott,
der zuverlässig jede Liebe ruiniert,
und fragen uns, wie wir alt
werden können, ohne am anderen
zu verzweifeln.

Aber die Fassade nach außen.
Auch uns selbst gegenüber.

Die halten wir sorgsam aufrecht.

Es wäre ja noch schöner, wenn
irgendjemand mitbekäme.

Wie hundelend beschissen es uns
beiden geht.

Nein, das Kreuz durchgedrückt und
weitergelebt.

So lange es ab und zu,
zu einem kleinen Sonntags-Nachmittags-Beziehungsfick reicht.

Springe ich nicht aus dem Fenster.

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