Sehen

Fragenstellerin steht still

Ferdinand Freiherr von der Ferne

Eingegrabene Illusionen werden
wie Hieroglyphen auf Krokodilsrücken
in kleinen Teilchen eines Tages
die rotbraune Erde verlassen,
um ihre Stimmen zu erheben,
und aufzuzeigen, daß die vertraute Zuversicht
keine reine Brillanz einer Klarsicht dessen war,
was große Geister verfehlt haben –
ja, besonders die großen Geister
haben gefehlt –, aber es wird
die Zeit zeigen, die gramerfüllt
Dinge zuwege bringt, die nicht bloß
zusieht wie etwas geschieht
was sie nicht vorhersehen kann,
weil nur das Schicksal mitbringt,
was keinem Zufall unterworfen ist,
da es Bestimmung ist, was in die Welt schreit
und gehört werden will:

Das Begehren nach Vereinigung,
das Begehren nach des anderen Geschlecht Fleisch,
das Begehren es zu suchen,
das Begehren es sich habhaft zu machen,
das Begehren damit rein dem Willen nach zu verfahren –
doch mit dem Bewußtsein, diese Begehrlichkeiten
nicht zu begreifen!
Es ist eine Obsession,
die ein Rätsel in eine intuitive Form bringt,
und das Maß an Erkenntnis ist sehr gering,
da es eine Mystik für sich selbst darstellt,
die eine feine Grenze zieht,
die nur für einen Moment sich präsent zeigt:

Das Sinnen über den freien Willen –,
denn der freie Wille ist im Grunde unfrei,
weil naturgegebene Hindernisse diesen hemmt –;
es sind charakterliche, dem Temperament unterworfene
und sozialisations-bedingte Hindernisse.
Die Freiheit des Individuums jedoch geht weiter –,
da sie selbstverständlich die Großmeisterin
der großen Gefühle von Sehnsucht und Begierden ist –,
ja, sie ist wie eine Raubtier,
das seine Instinkte herausschnellen läßt,
sich in Fleische gräbt,
mit Krallen und Zähnen –
und Blut hervortreten sieht,
ohne jegliche Emotion.

Die Großtat des Gedankens an Fleischlichkeit,
ist einzuverleiben, den, oder die,
dessen Körper magisch anzieht –
im Hier und Jetzt!
Verwundete Seelen sterben oft langsam,
unbemerkt –, und ihre Körper wollen oft mitleiden,
in einer Art von Zelebration,
die sakrale Züge annimmt
und spirituell eine Vereinigung anstrebt,
die für eine Nachwelt vorbestimmt ist,
deren sie gern nach ihrem Tod
noch ansichtig werden möchten.

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