Sehen

Fräulein Klüh

Ferdinand Freiherr von der Ferne

Fräulein Klüh war über 70.
Vielleicht einundsiebzig, oder zweiundsiebzig,
aber vielleicht auch erst glatte siebzig.

Damals, in den Siebzigern,
war es noch üblich,
Frauen, die unverheiratet geblieben waren,
als Fräulein anzusprechen –,
egal wie alt sie waren.
Nach heutiger Übersetzung ausgedrückt,
hieße das ganz einfach:
„Sie ist noch nie gefickt worden“.
Jungfrau geblieben.
Unberührt.
Seltsame Vorstellung – heutzutage –,
bei einer Frau von über siebzig.
Ich habe zwar noch nie
leibhaftig eine Spinatwachtel gesehen,
aber bei Fräulein Klüh,
die oft als solche betitelt wurde,
mußte das dann wohl
glaubhaft der Fall sein.

Sie leitete damals,
zusammen mit einer etwa gleichaltrigen Freundin,
die Pfarrbibliothek.
Und mein Bruder und ich,
liehen dort turnusmäßig
Enid Blyton-Bücher und andere aus.
Wir waren so zwölf
und dreizehn Jahre alt.
Fräulein Klüh war sehr gewissenhaft,
korrekt bis in ihren Haar-Dutt.
Eines Tages kam mir
eine Frage auf.
Das Thema: Jungfräulichkeit.
Was war – was ist,
eine Jungfrau?
Von der Kirche her
kannte ich den Begriff
als sehr vertraut:
Die Jungfrau Maria.
Doch detailierte Fragen dazu
bekam man nie konkret beantwortet.
Weder unser Pastor,
noch der junge Kaplan,
und auch nicht mein Vater,
der Küster an unserer Kirche war,
konnten mir eindeutig erklären
was genau eine Jungfrau ist.
Alle drucksten sie da nur
so vor sich hin.

Mein Bruder und ich
wurden streng katholisch erzogen
und Sachen die das Sexuelle betreffen,
waren in unserer Familie
absolutes Tabu.
Uns in diesen Dingen aufzuklären
fiel meinen Eltern überhaupt nicht ein.
Im Erwachsenenalter hab ich Mama
mal danach gefragt
und sie meinte,
Aufklärung findet doch eigentlich immer –
und ist es nicht besser? –,
auf der Straße und unter Klassenkameraden statt.
Nun, aber das war für uns damals
so ne Sache für sich.
Neben unserem, noch um fünf Jahre jüngeren Bruder,
haben wir keine Schwester.
Und die Klassenkameraden unter uns
die eine Schwester hatten,
waren hier voll im Vorteil.
Uns blieb nicht viel anderes übrig,
als den Berichten und Erzählungen
der Kameraden mit Schwestern zu lauschen –
und auch zu glauben.
Vor allem was die Mädchen da so
zwischen den Beinen haben –
das war lange Zeit
ein wahres Mysterium.
Da mußten nämlich die Kameraden
mit Schwestern auch passen.
Ich war enttäuscht,
daß ich keine Schwester hatte.
All die einzelnen brisanten Fragen
die hierzu aufkamen,
klärten sich dann erst viel später
beim Lesen der BRAVO.
Das war mindestens erst ein Jahr später.
Habe ich gestaunt…!
Also daß Mädchen sich tatsächlich auch
selbst befriedigen…
Das hätte ich niemals gedacht.
Und wie auch?
Also… Nee,
und all die Fragen die dann so
nach und nach kamen
und durch die BRAVO-Lektüre sich aufklärten…
und die Diskussionen und Spekulationen
mit den Klassenkameraden…
Einfach nur spannend.
Ja, bliebe dann noch die Frage
nach der Jungfräulichkeit – damals…
Als ich also seinerzeit
das nächste Mal in die Pfarrbibliothek ging
um neue Bücher auszuleihen,
war ich einfach mal so mutig,
ging auf Fräulein Klüh zu
und fragte sie:
„Was genau ist eigentlich eine Jungfrau?“

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