Sehen

Früh am Morgen, zweiter August 1758

Ferdinand Freiherr von der Ferne

„Die Leinen los!“
Käpt´n Cook schrie
seinen Befehl ungewöhnlich laut.

Die Piratenmannschaft war noch verschlafen,
denn es war früh
am Morgen und die Sonne
wollte noch nicht so wirklich
aufgehen.
Dichter Nebel hatte sich auch
auf das Segelschiff niedergelassen.

„Da ist was in der See,
es ragt so seltsam heraus
und bewegt sich,
es ist aber schon weiter,
Steuermann, dort genau,
also ein Stück hinterher!“

Käpt´n Cook zeigte auf die Stelle,
wo der Steuermann drauf zu segeln
sollte.
Und tatsächlich war da was
als sie nah dran waren:
Eine Art grüner großer Fisch
der beständig aus dem Wasser ragte?

„Einholen!“
befahl Käpt´n Cook.
Cooper, einer der geschicktesten Piraten
hatte schon ein Seil zur Hand,
machte am Ende eine Lassoschlinge
und machte einen ersten Versuch
diesen Fisch damit einzufangen.
Erst nach dem vierten Versuch
gelang es ihm die Schlinge sämtlich
um den Fischkörper zu treffen,
ihn dann heran-
und dann hoch an Deck zu ziehen.

Da es weiterhin noch stark nebelig
und noch lange nicht taghell war,
konnte man nicht sogleich erkennen,
was da auf den Schiffsplanken lag.
Es zappelte und wand sich
und die große Schwanzflosse ging
heftig hin und her.
Aber wie erstarrte nun die Piratenmannschaft,
als sie erkennen mußten,
daß es gar kein Fisch war!
Es war eine Meerjungfrau!

Ja, von der Hüfte herab
war ein kompletter Fischkörper vorhanden
und aufwärts der Körper einer schönen
nackten jungen Frau!
Nackt, mit drallen Brüsten,
langen blonden Haaren
und schlanken Armen.
Jetzt schrie sie irgendwas
in einer fremden Sprache.

Käpt´n Cook war sprachlos.
Die Mannschaft guckte weiter wie blöd
auf die Seejungfrau.
Als erster kam Cooper zu Wort:
„Ich dachte Seejungfrauen gäb´s nur
in Sagen und Märchen!“
– „Ja, da siehste dann mal
ne Sage und ein Märchen dazu!“
Das war der vorlaute Schiffskoch Hunter,
der immer schlagfertige Sprüche drauf hatte.

„Und was machen wir jetzt mir ihr?“,
fragte der Koch.
Nicht einer der Piratenmannschaft wußte
eine gute Antwort darauf,
aber nach ein paar Minuten kamen
die ersten Vorschläge:
„Wir könnten sie doch zu unserer
sexuellen Befriedigung nehmen,
jeder könnte mal so ne halbe Stunde…?!“
– „Ja, und am Ende könnten wir sie
kleinschneiden, braten und essen.“
– „Hallo? Was bist du denn für ein Kannibale?
Du kriegst gleich eine von mir rein, Hunter!“

Cooper war ganz dicht an Hunter herangetreten,
doch da stolperte er über die Seejungfrau
und landete direkt neben ihr
auf den Planken.
Sogleich wand sie ihre Arme um ihn,
küßte ihn auf den Mund
und weinte dazu ganz bitterlich
und zeigte mit ihrer rechten Hand
auf´s Meer.

Käpt´n Cook war ärgerlich über die Sache.
Er wußte genau,
seine Mannschaft würde nicht eher Ruhe geben,
bis sie eine Befriedigung erlangen würden,
einerlei in welcher Form.
Er befürchtete eine ernsthafte Meuterei,
wenn er hier nicht nachgäbe.

„Ok“, entschied er
– „Jeder darf sie einmal,
aber nur EIN MAL
– entweder auf den Mund küssen,
ihre Brüste küssen,
oder nur ein bisschen mit ihr schmusen
– und nur für eine Minute!
Gut, das leuchtete der Mannschaft ein
und sie war einverstanden.

Die Meerjungfrau ließ dann das ganze Prozedere
geduldig über sich ergehen,
einer nach dem anderen tat das
aus der vorgegebenen Auswahl
was er für sich entschied
und der letzte war Cooper.
Er entschied sich für einen saftigen Abschiedskuß.

Die Meerjungfrau ahnte schon einen guten Ausgang
für sich,
schlang noch einmal ihre Arme um Cooper
und erwiderte seinen innigen Kuß.

Käpt´n Cook wollte gar nichts für sich.
Er befahl nur noch die Meerjungfrau
über Bord
– wieder ins Meer zu werfen.
Das erfolgte auch sofort.

Aber zum Bedauern der gesamten Piratenmannschaft,
unter der sich so manches feuchte Auge
sichtbar wurde.
„Ihr wißt doch genau Leute
– ne Frau an Bord bringt immer Unglück
– und auch wenn´s nur ne halbe ist!“
– Die Worte des Käpt´ns leuchteten der Mannschaft ein,
aber eine tiefe Traurigkeit stellte sich dennoch
unter den Piraten ein…

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