Sehen
Fünfunddreißigster Brief an Tobias
Mein lieber Tobias,
ich mache gerade Yoga
auf meiner Yogamatte
und Anton steht im Türrahmen
und schaut mich fassungslos an.
Das sind die Dinge,
die er nicht verstehen kann,
wie ich minutenlang
in einer Position verharren
und meditieren kann.
Er ist ja der Meinung,
das hatte ich dir schon an anderer Stelle gesagt,
dass Sport Mord ist
und auch Yoga findet er mehr als obskur,
wobei er als Philosoph
eigentlich einen Zugang zu dem Meditativen haben müsste,
ist es doch eine Form der geistigen Auseinandersetzung
mit dem eigenen Selbst,
auch wenn auf andere Art und Weise
als es Nietzsche, Marx oder Hegel predigen.
Er kann mich auch nur kurze Zeit so betrachten
und dann zieht er es vor,
wieder zu verschwinden.
Und du fragst mich jetzt,
wie ich auf dem Kopf stehend
einen Brief schreiben kann.
Nun,
ich habe dir auch schon an anderer Stelle gesagt,
dass ich viele Briefe in meinem Kopf vorformuliere,
sodass ich sie dann letztendlich nur noch niederschreiben muss
mit dem Stift,
wenn ich wieder an einem Tisch sitze
und auf Briefpapier schreiben kann.
Jetzt rutscht mir das gesamte Blut in den Kopf
und sorgt dafür,
dass ich gedanklich eine Umkehrung meiner Empfindungen habe.
Ich habe dir im letzten Brief geschrieben,
dass ich dich nicht liebe
und in der Umkehrung jetzt
stelle ich fest,
das war sehr hart formuliert
und auch nicht angemessen
für das, was wir füreinander sind.
Denn wenngleich es vielleicht stimmt,
ist doch die Formulierung als solche
sehr hart
und zu hart,
denn die Wahrheit liegt oft
an ganz anderer Stelle
und vor allen Dingen
das Formulieren selbst
könnte auch viel sensibler
und rücksichtsvoller erfolgen.
Du siehst,
wenn man sich selbst auf den Kopf stellt
und dort einige Zeit verharrt,
sieht man die Welt plötzlich tatsächlich
aus einem anderen Blickwinkel.
Ob das nur dem Umstand geschuldet ist,
dass mein Kopf voller Blut ist
oder dass ich die Welt von unten nach oben betrachte,
kann ich nicht beurteilen.
Beurteilen kann ich nur das Endergebnis.
Und darum,
solange deine Krankheit dauert,
darf ich dir nicht sagen,
dass ich dich nicht liebe.
Das wäre zu hart
und es wäre ein Anlass dafür,
dass du nicht gesund wirst.
Nein,
in diesem Ausnahmezustand
darf ich dich das nicht spüren lassen
und ich werde es,
solange du krank bist,
nicht wiederholen.
Es grüßt dich,
deine Loretta.