Sehen

Fünfundfünfzigster Brief an Tobias

Loretta Baum

Lieber Tobias,

ich bin fassungslos über mich selbst,
weil ich dir jetzt innerhalb kürzester Zeit
einen zweiten Brief schreibe
und er mehr oder weniger das konterkariert,
was ich dir vorher geschrieben habe.

Ich sitze jetzt gerade
und topfe die Kräuter
auf der Fensterbank um,
mein steter Quell
an frischen Kräutern
für die Küche.

Meine Hände sind schmutzig,
so schmutzig
wie meine Gedanken.

Ich hatte dir gesagt,
dass ich dich nicht mehr sehen möchte.

Ich hatte dir geschrieben,
dass ich plane,
zu meiner Cousine zu fahren.

Vielleicht stimmt das auch,
aber vielleicht sollte ich es zurücknehmen
und dir eher
einen ganz anderen Vorschlag machen.

Was hältst du davon,
wenn wir uns noch einmal treffen
und in aller Ruhe
über uns sprechen?

Du kannst deine gesamten Gedanken
mir frei und freimütig äußern
und auch ich werde nichts verhehlen,
wie es um mich steht.

Wenn dir ein Kaffee zu öffentlich ist,
könnten wir uns auch
in ein Hotel zurückziehen.

Natürlich nur, weil wir dort uns ungestört unterhalten könnten.

Nicht, dass du auf falsche Gedanken kommst.

Auch wenn ich, das gebe ich zu,
durchaus Lust verspüren würde,
mit dir dort Dinge zu machen,
die eigentlich einer Ehe vorbehalten bleiben.

Aber ich bin dafür zu tugendhaft.

Zumindest bilde ich mir das ein,
was in diesem Moment vielleicht mehr Wunschdenken
als Überzeugung ist.

Nein, ich möchte dort nur mich mit dir treffen,
um mich in aller Ruhe mit dir zu unterhalten
und zu analysieren,
wie wir mit dieser Situation umgehen.

Nicht mehr und nicht weniger.

Und glaube mir, niemand ist sich selbst so treu wie ich.

Niemand legt mehr Wert auf Diskretion.

Niemand legt mehr Wert darauf,
sich richtig zu verhalten.

Ich könnte mir sonst nicht mehr in die Augen schauen.

Und ich glaube, das kannst du verstehen.

Darum schlage mir vor,
wann und wo wir uns treffen wollen und können.

Je weiter von meiner Wohnung entfernt,
umso lieber wäre es mir.

Es grüßt dich, deine Loretta.

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