Sehen

Fünfundvierzigster Brief an Tobias

Loretta Baum

Hallo Tobias

Ich stehe in meinem Zimmer
und schaue mein kleines Aquarellbild an,
was ich vor Jahren gemalt habe.

Ich habe Anton gebeten,
mal den Hammer zu nehmen
und einen Nagel in die Wand zu schlagen,
weil ich gedenke,
dieses Bild zu rahmen
und aufzuhängen.

Allein Anton hat sich bei diesem Versuch
mit dem Hammer auf den Finger gehauen
und ist schreiend aus dem Zimmer gerannt,
seine Hand blutend, haltend, anklagend
und ist im Bad verschwunden.

Mit einem Pflaster wiedergekommen
und hat aufgefordert,
mich ihn zu verarzten.

Nachdem ich das Pflaster
auf die, naja, kleine Stelle geklebt habe,
ist er schmollend wieder herausgegangen
und hat behauptet,
dass ich gefühlskalt sei,
was eine komplette Frechheit
und Unverfrorenheit seinerseits ist.

Ich glaube eher,
er hat sich gar nicht wirklich
mit dem Hammer auf den Finger geschlagen
und hat nur so getan,
beziehungsweise ein kleines Quäntchen Blut
kam an der Seite herausgequetscht.

Ich vermute also,
er wollte gar nicht seinen Finger treffen
und dämlich wie er ist,
hat er doch es geschafft,
sich ein bisschen zu verletzen,
nur um mir dann ein schlechtes Gewissen zu machen.

Ja,
so sind die Ehemänner.

Ein schlechtes Gewissen
scheinst du ja auch zu haben,
denn du hast dich angeboten,
dich zu erklären
und zu rechtfertigen,
mein lieber Tobias.

Das ist natürlich ein Punkt,
den ich sehr gerne höre.

Denn gleich ich im Moment sehr damit beschäftigt bin,
zu überlegen,
wie ich das Bild nun am besten aufhänge.

Anton hat es ja nicht geschafft,
den Nagel in die Wand zu treiben,
also muss wahrscheinlich ich als Frau
die Sache wieder in die Hand nehmen.

Das Bild ist mir übrigens sehr gut gelungen.

Ich habe darauf einen Mann gezeichnet,
den ich nicht kenne.

Es war eine Fantasiefigur,
aber wenn ich mir recht überlege,
so unähnlich sieht er dir gar nicht.

Und ich bin töricht genug zu glauben,
wenn ich diese Fantasiefigur anschaue,
dass ich dir vergeben könnte.

Wenn du mir denn tatsächlich
nachvollziehbare Gründe geben würdest,
warum ich dir verzeihen sollte,
warum ich deinen Beteuerungen Glauben schenken sollte,
oder vielleicht sind es ja doch nur irgendwelche Ausflüchte,
die mich beruhigen sollen,
während du in Wahrheit ganz andere Ziele verfolgst.

Du siehst,
dieser Tag ist für mich
alles andere als einfach.

Und ich frage mich,
was da noch kommen wird.

Es grüßt dich,
deine Loretta.

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