Sehen

Fünfundzwanzigster Brief an Tobias

Loretta Baum

Mein lieber Tobias,
ich sitze im Sessel,
die Fernbedienung in der Hand,
und schaue das Programm,
das ich wollte.

Anton hat sich in die Küche zurückgezogen.
Er ist beleidigt.
Nicht sehr,
aber doch genug,
um ein Geräusch beim Hinausgehen zu machen,
das seine Empörung ausdrücken sollte.
Ich habe es gehört.
Ich schaue trotzdem.

Anton kann ja auch noch ganz anders.
Lautes Türknallen,
wenn ihm etwas gegen den Strich geht.
Heute geht es etwas gesitteter zu.
Aber der Sieg fühlt sich kleiner an,
als man es möchte.

Das ist die merkwürdige Eigenschaft von gewonnenen Streitigkeiten —
man kämpft für etwas
und bekommt es dann
und stellt fest,
dass der Kampf interessanter war als die Beute.

Nun läuft das Programm.
Ich schaue.
Aber eigentlich ist es mir egal.

Kurz bevor der Streit anfing —
noch in der Phase,
in der Anton erst anfing,
eine Meinung zu entwickeln —,
ist mir deine Nachricht eingefallen.
Die von heute Mittag.

Ich weiß nicht warum gerade da,
mitten in einer Diskussion über Fernsehprogramme.
Das Gehirn sucht sich seine Momente selbst aus.

Du hattest geschrieben:
Wie töricht Liebhaber sind.
Ja. Sehr richtig.
Gut beobachtet,
Loretta.

Dann lachte ich innerlich ein bisschen,
weil mir klar wurde,
was das bedeutet:
Wer diesen Satz denkt,
hat gerade selbst wie jemand gedacht,
den er damit meint.

Das ist die kleine Falle der Ironie.
Man benutzt sie als Abstand
und merkt nicht,
dass der Abstand schon zu spät kommt.
Eine Art Bumerang.

Anton ist irgendwann zurückgekommen.
Auch wie ein Bumerang.
Er hat sich gesetzt,
ohne etwas zu sagen.

Was seine Art ist, zu zeigen,
dass er bereit ist,
die Angelegenheit ruhen zu lassen,
wenn ich den ersten Schritt mache.

Ich mache ihn nicht.
Wir schauen beide.
Ich denke an etwas anderes,
während ich schaue.

Das tue ich oft. Anton weiß das wahrscheinlich.
Aber er fragt nicht,
und ich sage es nicht,
und so funktioniert das schon seit Jahren ganz ordentlich.

Das ist der Trost und gleichzeitig das Problem.

Deine Loretta.

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