Sehen

Fünfzehnter Brief an Tobias

Loretta Baum

Mein lieber Tobias,
bist du jemand,
der eine Frau gerne beim Einkaufen
von Kleidern oder Schuhen begleitet?

Ich habe ein dunkelgrünes Kleid
mir gerade gekauft,
beziehungsweise noch war ich nicht
an der Kasse
und ich stehe in der Umkleidekabine
und schaue mich im Spiegel an
und ich würde gerne wissen,
wie du es findest.

Leider begleitet mich mein Mann nicht gerne
zu solchen Einkaufsbummeln
und das ist etwas,
was ich bedaure,
denn eine Frau möchte ja einen Partner haben,
der sie bewundert,
berät
und seinen fachkundigen Kommentar abgibt.

In meiner Ehe ist mir dies nicht vergönnt.

Und so muss ich mich alleine betrachten,
der Stoff fließt wunderbar
und liegt angenehm auf der Haut auf.
Wie eine zweite Haut.

Ich denke noch darüber nach,
was das eigentlich bedeutet.

Im Spiegel der Umkleidekabine
habe ich eine Frau gesehen,
die mir bekannt vorkam
und gleichzeitig fremd —
jemand,
der einen Moment lang weder Ehefrau
noch jemandes gute Freundin,
weder Haushalt noch Verpflichtung war.

Nur eine Frau in einem grünen Kleid,
die beschlossen hat,
dass es ihr gefällt.

Kein Kommentar, kein Spott,
keine philosophischen Betrachtungen darüber,
wie oberflächlich die Eitelkeit sei.

Da war plötzlich eine Frage —
eine seltsame, leise Frage,
die ich mir nicht bestellt habe:
Was gehört mir eigentlich?

Nicht das Kleid meine ich.
Das gehört mir in Kürze,
das ist einfach.

Ich habe es bald bezahlt
und wenn Anton es heute Abend nicht bemerkt,
werde ich trotzdem wissen,
warum ich es gekauft habe.

Ich meine etwas anderes.
Etwas,
das ich schwerer benennen kann.

Man gibt so viel ab,
mit der Zeit.

Nicht bewusst, nicht auf einmal —
in kleinen Raten,
über Jahre.

Die Zeiten, in denen man geht,
wann man will.

Die Momente, in denen man sich dreht
und nichts erklärt.

Die Entscheidungen,
die man trifft,
ohne sie zu begründen.

Irgendwann fragt man sich,
was von dem,
was man fühlt und denkt und will,
noch einem selbst gehört —
und was schon längst
einer gemeinsamen Buchhaltung übergeben wurde,
in der man nie die Mehrheit hatte.

Ich schreibe dir das,
weil ich glaube,
dass du verstehst,
was ich meine.

Oder — weil ich hoffe,
dass du es nicht zu sehr ausnutzt.

Das grüne Kleid ist meine Antwort
auf diese Frage.

Nicht die ganze Antwort.
Aber eine.

Ob Anton es heute Abend bemerken wird?
Wahrscheinlich nicht.

Aber das macht nichts.
Es gefällt mir.

Deine Loretta.

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