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Fünfzigster Brief an Tobias

Loretta Baum

Lieber Tobias,

ich sitze an meinem Sekretär
und schreibe an zwei Briefen gleichzeitig,
einen an dich
und einen an meine Cousine.

Du erinnerst dich vielleicht noch
an meinen Brief,
in dem ich dir erzählt habe,
dass ich mit dem Postboten
ein längeres Gespräch geführt habe
und mir eine Idee kam,
weil er von seinen Spaziergängen erzählte.

Nun, meine Cousine wohnt an der Ostsee
auf der Insel Rügen
in der weißen Stadt,
ich weiß nicht,
ob du sie kennst,
Putbus,
von einem Schinkelschüler erbaut
und ein sehr idyllischer Ort,
an dem man gerne verweilt.

Und ich habe beschlossen,
sie für eine längere Zeit zu besuchen
und daher mein Brief an sie,
in dem ich darum bitte,
für einige Zeit bei ihr unterzukommen.

Sie hatte schon öfter Asyl gewährt
in Zeiten der Krise
und ich glaube,
dass sie auch jetzt wieder bereit ist,
mich zu empfangen,
weil sie auch eine sehr gastfreundliche Frau ist.

Und auch wenn wir uns nicht allzu häufig
in unserem Leben gesehen haben,
so sind wir doch mehr als nur
durch die Verwandtschaft miteinander verbandelt
und ich glaube,
es gibt eine gewisse Seelenverwandtschaft
zwischen uns.

Ich habe sie übrigens nie mit Anton besucht,
sondern immer allein.

Wir haben dann sehr schöne Spaziergänge
am Strand unternommen
und du kannst es dir nicht vorstellen,
wie angenehm es ist,
zu den Kreidefelsen auf Rügen zu wandern,
dort wo Caspar David Friedrich
sein berühmtes Gemälde erschaffen hat.

Ja, ein wahrhaft erhabener Ort
und eine Zuflucht
für eine gepeinigte Seele.

Bevor ich aber Berlin verlasse,
gebe ich dir noch einmal die Gelegenheit,
mich zu sehen und zu treffen
und ich würde vorschlagen,
dass wir uns am Brunnen
am Alexanderplatz treffen.

Die Weltzeituhr ist mir zu profan,
aber der Brunnen ist doch ein schöner Ort,
vor allen Dingen jetzt im Sommer,
wo die heiße Zeit beginnt.

Und man kann, während man wartet,
mit der Hand ein wenig im Wasser spielen
und sich die Stirn kühlen.

Wir können auch, falls jemand uns beobachtet,
einfach nur ein Pärchen sein,
das sich zufälligerweise dort getroffen hat
und sich unterhält,
ganz harmlos,
für niemanden verdächtig.

Wenn du keine Lust hast
oder mich von Weitem siehst
und doch beschließt,
lieber umzudrehen,
dann sei es so.

Es liegt ganz in deiner Hand.

Ich würde sagen, morgen um 14 Uhr
werde ich dort sitzen
und auf dich warten.

Es grüßt dich, deine Loretta.

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