Sehen

Fußpflege aus Kambodscha

Claudia Carl

Die Dame im blauen enganliegenden Kleid
muss gute Nerven haben

Sie wirkt entrückt wie sie so an der Theke steht
chic aufgebrezelt zum Ausgehen,
Schultern frei,
die plüschigen Träger
weit heruntergezogen

Ihre Augen schauen nirgendwo hin,
selbst wenn man ihren Blick sucht
wird man von dem Schwarz
in den mandelförmigen Rändern eingesogen,
in eine dunkle endlose Höhle,
es geht immer tiefer hinab
ohne Ende,
da gibt es keinen Widerstand
und keinen Widerhall

Will sie hier etwas,
sucht sie hier etwas,
etwa einen Mann,
der ihre schlanke Figur attraktiv findet,
oder möchte sie sich betrinken
einen schönen Abend haben,
man bekommt keine Auskunft
weder von ihrem Körper,
dessen Haltung nichtssagend ist,
noch von ihren Augen,
die betäubt scheinen,
sediert,
sie driftet und weht ein wenig
da vor der Theke herum,
auf der ein Wasser
mit einem Strohhalm steht,
sie wirkt einsam
und völlig losgelöst,
ohne darunter zu leiden,
sie ist eine gefühllose Puppe,
vielleicht aus Gummi

Zwei Meter von ihr entfernt
schwankt ein Riese,
in der Hand ein volles Weißbierglas.
Er ist von Kopf bis Fuß
in verwaschenes Hellgrün gekleidet,
schlampig.
Ein ungebügeltes T-Shirt,
eine verbeulte Hose.

Manchmal nähert er sich der Frau
und man glaubt,
er werde mit ihr reden,
dann wieder driftet er davon,
in den Raum hinein,
zu anderen Menschen,
und er spricht jeden an,
der ihm nahekommt,
sein Weißbierglas balancierend
in einer Hand,
mit zwei Promille
spuckt er sein ganzes Leben
in einem Atemzug aus.

Totengräber ist er auf dem Waldfriedhof,
Grabausschaufler,
und vor vier Jahren
hat er sie kennengelernt,
die Schöne aus Kambodscha.

Auf dem Sommerfest am Ost-Bahnhof,
da lief Musik,
eine bayerische Band.

Die Schöne liebt Musik
sie weht dann leicht
wie ein Grashalm
im Sommerwind
unauffällig
ohne jemanden zu stören.

Der Totengräber hat sie entdeckt,
er hat sie angesprochen,
seitdem ist sie so unglaublich gut zu ihm,
seit vier Jahren
hat er seine Fußnägel
nicht selbst geschnitten,
sie wäscht ihn,
sie pflegt ihn,
sie fickt ihn.

Du bist mein Eigentum
sagt sie zu ihm,
er findet es zum Lachen.

Aber sein Glück kann er nicht fassen,
so dass er es
an diesem Abend
in der Kneipe
jedem erzählt.

Seine Frau hat ihn vor zehn Jahren verlassen,
er hat einen dicken Bauch
und dünne Arme,
er lallt und trinkt zu viel,
aber die Schöne kümmert sich
unermüdlich um sein leibliches Wohl,
er bestellt sich noch ein Weißbier,
vielleicht das sechste oder siebte,
dann geht er vor die Tür
eine rauchen.

Die Schöne bleibt gleichbleibend ausdruckslos,
egal,
was ihr Eigentum tut.

Irgendwann ist der Riese verschwunden,
vielleicht in die nächste Kneipe weitergezogen.

Die Schöne aus Kambodscha
steht weiter
mit leeren Augen
an der Bar,
sie wird irgendwann
nach Hause gehen,
sie hat den Schlüssel
zur Wohnung des Totengräbers,
und sie wird
in seinem Bierdunst schlafen.

Und am nächsten Morgen
wird sie mit einem warmen Waschlappen kommen
und einem Fußbad
und einer Nagelfeile
und dabei seinen riesigen Schwanz
so weit als möglich
in ihren kleinen Mund schieben
und dann in ihre Muschi,
und sie wird
in sein Ohr flüstern,
du bist mein Eigentum,
und er wird sein Glück
nicht fassen können,
und nach dem Frühstück
den nächsten Toten einbuddeln.

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