Sehen
Gartenparty
Früher war eine Einladung zu Peter
gleichbedeutend mit:
rein in die gute Hose, drei Bier intus
und dann ab in den Garten,
wo die Nacht in einem Chaos
aus Lachen, Lautstärke
und leicht bekleideten Grazien endete,
die einem noch bis in den Morgengrauen
die Zunge in den Hals steckten.
Heute steht da dasselbe
„Komm doch vorbei, wird lustig!“
und ich stelle mir schon vor,
wie ich um neun Uhr
mit einem Kräutertee in der Hand
auf der Terrasse hocke
und die Grillzange schwinge
wie ein Rentner seinen Stock.
Peter hat wieder seinen monströsen Kugelgrill angeschmissen,
das Ding qualmt wie ein Schornstein im Ruhrpott,
und überall stehen diese jungen Dinger rum –
knapp zwanzig, straffe Haut,
Brüste, die sich unter dünnen Tops abzeichnen
wie frisch gebackene Semmeln.
Vor fünf Jahren hätte ich noch gedacht: Jackpot.
Heute denke ich:
Mein Gott, die waren doch vorgestern noch im Sandkasten
und haben mit Plastikschaufeln Burgen gebaut.
Ich weiß noch genau,
wie ich mit achtzehn auf genau solchen Partys stand
und den älteren Typen mit Anfang dreißig
für steinalt hielt –
diese Langweiler,
die schon um Mitternacht nach Hause wollten,
weil „morgen früh raus muss“.
Und jetzt bin ich dieser Langweiler.
Die Musik bollert,
irgendein aktueller Technoscheiß,
den ich nicht mal mit der Kneifzange anfassen würde,
und diese Mädchen tanzen,
als gäb’s kein Morgen.
Hüften kreisen, Haare fliegen,
und jedes Mal, wenn eine lacht,
blitzt ein Piercing im Bauchnabel auf.
Früher hätte ich mir eingebildet,
das wäre alles nur für mich inszeniert.
Heute weiß ich:
Die merken nicht mal, dass ich existiere.
Für die bin ich der Onkel mit dem Bierbauch-Ansatz,
der neben dem Salat steht
und hilflos versucht,
nicht allzu offensichtlich
auf genau diese prallen, voll entwickelten Brüste zu starren,
die vor Kurzem noch in Hello-Kitty-Shirts steckten.
Peter klatscht mir eine Bratwurst in die Hand
und brüllt über den Lärm hinweg:
„Na, Alter, noch einen drauflegen heute?“
Ich grinse gequält,
beiße in die Wurst
und spüre, wie mir die Soße übers Kinn läuft.
Eine von den Jungen –
blonde Locken, knappes Top,
Augen, die sagen „Ich weiß genau, was ich tue“ –
huscht vorbei, streift mich fast,
riecht nach Vanille und Sommer
und purer, unverbrauchter Geilheit.
Mein Schwanz zuckt kurz,
rein aus alter Gewohnheit,
aber mein Kopf schreit sofort:
Nein, Alter, das ist Körperverletzung mit Ansage.
Die könnte deine Tochter sein. Fast.
Ich stelle mich an den Zaun,
nippe am Bier
und schaue zu,
wie die Nacht jünger wird
und ich älter.
Irgendwann werde ich wohl der Typ sein,
der den Müll rausbringt,
während die anderen noch ficken wie die Kaninchen.
Vielleicht ist das der Lauf der Dinge.
Vielleicht ist das einfach der Preis dafür,
dass man irgendwann kapiert,
dass die wirklich scharfen Sachen
nicht mehr die mit den straffsten Titten sind,
sondern die,
bei denen man morgens noch neben jemandem aufwacht,
der einen nicht sofort für einen Perversen hält,
nur weil man über dreißig ist.
Trotzdem.
Diese Brüste da drüben.
Verdammt.
Ich nehme noch einen Schluck Bier
und versuche, nicht allzu laut zu seufzen.