Sehen
Gedanken eines Kriminellen
Kann man Frauen vertrauen? Ich weiß es nicht. Ich sitze hier im Knast, und die Frau ist; der ich – Gott sei Dank – zwei Kinder gemacht habe: ein kleines Unterpfand; draußen, auf dass sie auf mich wartet. Ich weiß, dass eine Frau mit zwei Kindern es nicht so leicht auf dem Datingmarkt hat. Aber wer weiß, heutzutage ist alles möglich. Da kommt irgendeiner von irgendwoher, sieht eine Frau mit zwei Kindern und denkt sich: Scheißegal, die nehme ich mir jetzt, kriege sonst eh keine. Und die Frau denkt sich: Endlich wieder ein Mann zu Hause, während der andere die Tage absitzt, sich nicht um mich kümmern kann und kein Geld erwirtschaftet. Und wenn er rauskommt, zieht man wieder irgendetwas ab, bringt ein bisschen Kohle nach Hause und wandert wieder in den Bau.
So denken die Frauen doch heimlich. Sie suchen immer den einfachsten Weg, um irgendwie über die Runden zu kommen. Ich kann es ihnen nicht einmal verübeln. Es ist logisch, es ist nachvollziehbar. Aber trotzdem tut es weh, daran zu denken, dass es so sein könnte.
Noch ist sie treu. Noch kommt sie Woche für Woche, besucht mich, hält mir die Hand, sagt, dass sie mir treu ist, dass sie darauf wartet, dass ich wiederkomme und dann der Vater der Kinder sein kann; ob ich nicht ein Vorbild werden wolle, ob ich mich nicht geändert habe, was denn meine Pläne seien. Über ihre eigenen Pläne spricht sie weniger. Was sollte sie da auch sagen? Sie kommt über die Runden, ja, natürlich – sie ist ja keine dumme Frau. Aber sie ist gefangen in ihrer Welt. Und so klammere ich mich Tag für Tag an die Hoffnung, dass sich nichts ändert – außer der Zeit, den Tagen, die ich noch brauche, um wieder draußen zu sein.
Und dann frage ich mich, was ich eigentlich zu bieten habe. Wozu ich fähig bin. Wie ich mein Geld verdiene, Tag für Tag. Und ich weiß: Ich kann nicht im Büro sitzen. Ich bin niemand, der irgendwelche sinnlosen Tätigkeiten verrichtet. Nein, ich muss Geschäfte machen. Deals, heikle Dinge – ein bisschen Adrenalin muss ich spüren. Ich habe kein Problem damit, verbotene Dinge zu tun. Die machen eher Spaß. Ich brauche die Aufregung. Und ich brauche auch den Batzen Geld, der auf mein Konto wandert – oder die Bündel Scheine, die in meiner Hand landen.
Aber auch das wird immer schwieriger, seitdem die Regierung die Gesetze permanent verschärft und alles nur noch online abwickeln will, sodass man gar nicht weiß, wie man es erklären soll, wenn man plötzlich tausend Euro einzahlt. Die möchten ja für alles einen Herkunftsnachweis haben. Wie soll man das machen? Der Staat ist so geldgierig und so klamm, dass ich mich frage, ob nicht der Staat der größere Gauner ist. Aber wie soll man einen Staat ins Gefängnis stecken? Das geht nicht. Der Staat ist der, der die Gefängnisse baut. Und wer ein Gefängnis baut, sitzt niemals darin ein. Merken Sie sich das. Sehen Sie zu, dass Sie sich mit dem Staat gutstellen und möglichst unabhängig sind. Dann kann das Leben auch recht angenehm sein.