Sehen
Gedanken nach einem Gespräch mit ihr
Trivial, Triviales.
Alltag, Alltagstrivialitäten.
Sie drücken, erdrücken.
Kein Platz soll dafür,
viel Platz nehmen sie sich
– aus dem Leben,
dem Leben weg.
Zum Leben dazugehörend,
viel zu groß,
viel zu viel
– all die Kleinlichkeiten.
Verrückte Kleinlichkeiten.
Auch im Leben von ihr
und ihm.
Was war von Belang?
Sie sahen sich nicht mehr
so oft,
gingen beide ihren belanglosen
und für das Weiter-leben-können
so notwendigen Aufgaben nach.
Ihren Brot-Berufen etwa
(die sehr verschieden waren),
und beide spürten sie
die schwere Last
der Gehaltsabhängigkeit –,
darin waren sie sich gleich.
Diese moderne und zeitgemäße Form
der Leibeigenschaft einem Herrn
einer Herrin oder Institution gegenüber,
dem zu dienen man
als unentrinnbares Los erträgt.
Doch gibt es in der Herde
der duldsamen Schafe auch solche,
die – anders als ihre übrigen
Leidensgenossen, die ihr Schicksal
in alle Ewigkeit als gegeben hinnehmen –,
mit scharfem Blick für die Zustände
ihre Fäuste in die Hüften stemmen
und sich empören?
Was den scharfen Blick betrifft,
so kann daraus fruchtbare Kritik erwachsen,
mit guten Ideen zum Weitblick werden
und in Zusammenhang der entsprechenden Empörung,
können sich Konsequenzen entwickeln,
die zu befriedigenden Lebensumständen führen.
Doch bis dahin gelangen die wenigsten.
Und ist ihr Blick
für die Zustände auch noch so scharf.
Es fehlt meist an Ehrgeiz
und Mut.
Das angeborene, so kleinliche Sicherheitsbedürfnis
ist einfach zu groß.
Entsprechend groß und vielfältig auch die Ausreden:
Die Umstände hindern einen –
was soll man schon tun,
was kann man schon tun?
Und dann die ganze Verantwortungschine –
für die Familie usw.
Man ist ja schließlich nicht allein
auf der Welt.
Und doch schafft es so mancher,
wenigstens ein Stück weit auszubrechen.
Aus den Konsequenzen ihrer Empörung
und ihres scharfen Blickes,
entwächst das Ergebnis aus der großen Herde
der duldsamen Schafe herauszubrechen
und zu einem Schäferhund aufzusteigen.
Je tüchtiger der Schäferhund,
umso mehr Schafe darf er hüten.
Doch auch die Schäferhunde sind Leibeigene
und haben wiederum ihre Herren,
denen sie ihr Lebtag zu dienen haben.
Und so weiter und so weiter.
Zweifellos, beide hatten einen scharfen Blick.
Was aber wurde daraus?
Und ihre Empörungen –
wohin haben sie sie gebracht?
Das waren Gedanken nach einem Gespräch
mit ihr.
Eigentlich sollte es dazu führen,
daß sie zu ihm nach Hause kommt…
Doch statt erotisch,
wurde es philosophisch,
und das war unerotisch.
Somit ging sie zu sich nach Hause.
Allein.