Sehen
Gedanken über das Gedicht "ungewöhnlich"
Kommen wir heute zu einem,
aber deswegen nicht umso einfacheren Gedicht.
Es sind nur ein paar lyrische Zeilen,
die jedoch eine immense Wucht verströmen.
Die Zeilen sind ungewöhnlich.
Und es handelt von einer Frau,
die der Autor traf,
als diese 50 Jahre alt war
und, wie er betont,
noch immer attraktiv.
Jedermann weiß, wie schnell schöne Frauen verblühen.
Und diese, so sagte er uns,
war eine Ausnahme.
50 Jahre und immer noch holla die Waldfee,
wie man in jungen Jahren zu sagen gepflegt hätte.
Also attraktiv, immer noch im Gesicht.
Eine MILF, nach heutigem Maßstab.
Und sie ist die einzige Frau –
und da wird es jetzt wirklich hochinteressant und spannend –,
die einzige Frau,
die er, der Autor,
mit ergrautem Schamhaar traf.
Nun, wir wissen,
Frauen und der graue Ton der Haare gilt nicht als besonders attraktiv,
auch wenn viele Frauen anderer Meinung sind
und sich ihre grauen Haare pflegen.
Aber Grau steht eigentlich für Alter.
Und hier kommt ein sehr interessanter Punkt,
denn das Schamhaar ist ja ein Symbol für Sexualität.
Und hier traf er also eine Frau,
die schön,
aber in ihrer Sexualität scheinbar ergraut ist.
Und trotzdem machte es ihm nichts aus.
Oder vielleicht machte es ihm doch etwas aus,
wir wissen es nicht.
Denn das thematisiert er nicht.
Er thematisiert nur,
dass es die einzige Frau war,
die er mit ergrautem Schamhaar traf.
Nun kann man spekulieren,
dass vielleicht alle anderen Frauen jünger waren
und daher kein ergrautes Schamhaar hatten.
Oder aber die andere Variante:
Es gibt keine Frauen mit ergrautem Schamhaar.
Vielleicht fallen die Haare aus,
wenn eine Frau älter wird.
Oder es passieren andere Dinge,
man weiß es nicht.
Doch hier: ergrautes Schamhaar.
Und dieses muss für ihn so offenkundig etwas Spezielles gewesen sein,
dass er es in einem Vers überliefert hat.
Er nennt den Namen der Frau nicht.
Vielleicht weiß die Frau,
dass sie gemeint ist.
Vielleicht hat sie dieses Poem nie gelesen.
Wir können an dieser Stelle nur spekulieren.
Was wir hingegen konstatieren müssen,
ist,
dass hier auf sehr interessante,
subtile Weise Sexualität und Alter thematisiert wurden,
ohne dass es peinlich ist oder wirkt.
Und das ist in der deutschen Literatur
und auch in der deutschen Lyrik ein seltener Moment,
den man literarisch genießen kann.