Sehen
gefrorener Odem
Ich schätze sie auf neunzehn
oder zwanzig.
Sie stand immer
vor dem Bahnhof
unserer Stadt.
Kein schöner Ort
für junge Frauen.
Egal.
Wann immer ich
auch vorbeikam,
sie war einfach da.
Komisch dachte ich.
Eine Nutte muss doch
auch mal schlafen
oder mit einem Freier
unterwegs sein.
Ich sah sie im Sommer.
Ich sah sie im Herbst.
Doch jetzt war es Winter
und arschkalt.
Ihre Lippen waren blau,
kein Wunder.
Sie trug ein Jäckchen,
das kaum den Bauchnabel
bedeckte.
Aufgebrezelt in der Kälte
für die Freier.
Die fuhren langsam vorbei,
musterten sie,
fuhren weiter.
Es gab hier noch
ein paar andere Nutten.
Mit größerer Oberweite.
Heute war offenbar
ein anderer Typ Frau gefragt.
Die Kleine stand wie üblich da.
Hüfte leicht vorgeschoben,
Zigarette zwischen Fingern.
Manchmal gab es ein:
„Süßer, wie wäre es
mit uns beiden?“
An anderen Tagen
nickte sie mir nur zu,
wenn ich nachts
vom Zug kam.
Heute knirschte der Schnee
unter meinen Sohlen,
und sie stand da
wie eine Statue.
Ich blieb stehen.
Dumm gelaufen,
dachte ich,
aber ich blieb trotzdem.
„Na, Süßer,
brauchst du Wärme?“
Ihre Stimme war rau
vom Rauchen.
Ich schüttelte den Kopf.
Keine Kundschaft heute,
nur ein Idiot,
der nicht weitergeht.
Ich zog meine Jacke aus
und hielt sie ihr hin.
„Wenn hier einer Wärme braucht,
dann du!“, sagte ich.
Sie lachte kurz auf.
„Bist du mein Papa
oder willst du mich vögeln?“
„Weder noch“, gab ich zurück.
„Ich könnte es nur nicht
mit meinem Gewissen vereinbaren,
dass du mir hier erfrierst.“
Sie nahm die Jacke
und zog sie sich über.
Kein Dankeschön,
kein Kommentar,
aber sie zog sie sich
anstandslos über.
Dann standen wir einfach da.
Zwei frierende und schweigende Gestalten
vor dem Bahnhof.
Die eine Nutte
und der andere ein Gentleman,
der nicht weiß,
ob er seine Pretty Woman
vor sich hat.
„Weißt du“, sagte sie plötzlich,
„früher habe ich geglaubt,
Liebe wäre wie in so´nem Film.
Jemand kommt.
Er sieht mich.
Also ich meine richtig.
Er sieht mich richtig,
nimmt mich mit,
und alles wird gut.“
Sie blies in ihre Hände.
„Dann hab ich gemerkt.
Die meisten wollen nur die Hülle.“
Ich dachte mir,
was erwartest du?
Eigentlich müsste ich nach Hause.
Die Kälte kroch jetzt auch
durch meinen Anzug.
Aber ich konnte ihr ja nicht
nach einer Minute
meine Jacke wieder abknöpfen.
Wir sahen uns beide
fragend an.
Fragend,
wie es jetzt weitergeht.
Sie schüttelte ein bisschen
mit ihrem Kopf
und aus ihrem Mund kam
ihr gefrorener Odem in kleinen
weißen Wölkchen.
Ein weißer Wind,
wie von einem heißen Kaffee.
Sie bewegte die Beine etwas,
um auch die Kälte unten
zu vertreiben.
Ich wollte etwas Tröstliches sagen,
irgendwas mit Hoffnung
und neuem Anfang,
aber ich sagte nur:
„Komm, ich spendier dir einen Kaffee.“,
und dachte dabei
an die weißen Wölkchen.
Sie sah mich an.
Mit ihren müden aber schönen Augen.
Lange und prüfend.
Dann zuckte sie
mit den Schultern.
„Kaffee. Klar. Warum nicht.“
Wir gingen ins nächste Bahnhofsbistro,
setzten uns ans Fenster.
Sie trank drei Tassen
der schwarzen Brühe,
als wollte sie sich
von innen verbrennen.
Irgendwann legte sie
die Zigarette weg.
Mit einer gewissen Beeutung
in der Stimme sagte sie.
„Ich heiße übrigens Marta.“
„Ich weiß“, antwortete ich.
Sie hob eine ihrer hübschen Augenbrauen.
„Stalker?“
„Nur jemand,
der abends oft
denselben Zug nimmt.“