Sehen
Germany’s next top Model
Eine Netzstrumpfhose,
altmodische braune Pumps,
einen schlabbrigen kurzen Rock,
eine gelbe Stoffjacke mit Fransen an den Ärmeln,
braune Farbe im Gesicht und über dem Schnauzer.
Auch die Haare sind verfärbt,
vielleicht mit einem Spray.
Oder es ist eine Perücke.
Auf den Rücken gepinnt das handgeschriebene Schild
mit der Aufschrift:
„Germany’s next top model“.
Der Mann ist der Mittelpunkt
an dem Faschingsstand mit gelbem Dach,
auf dem in schwarzer Schrift steht,
was es hier gibt:
Cocktails, Schnaps.
Was braucht man mehr
an einem kalten Faschingssonntag
in der Münchner Fußgängerzone.
Kostümierte Betrunkene wippen im Takt
zur Stimmungsmusik,
die Bardamen sind high
angesichts der Nachfrage.
Vor allem weil an allen anderen Ständen
rundherum Ebbe herrscht.
Schokofrüchte und Crepes,
sogar Steaksemmeln und Pommes reichen nicht,
um in Rage zu geraten.
In angenehme Rage.
So ein Schluck Wodka Feige
schließt nicht nur Kälte empfindlichen Poren,
sondern öffnet auch Türchen im Kopf.
Ein Entspannungsflash nach dem ersten Schluck,
ein Hochgefühl nach dem zweiten,
ein Freiheitsrauschen nach dem dritten,
Lust auf mehr nach dem vierten.
Aber wer noch die Warnsignale spürt,
weiß dass alsbald das Kippen kommt.
Also erstmal einfach abwarten,
was sich noch tut.
Der Arsch unter dem Schlabberrock wippt mit der Musik.
Er weiß, dass er von allen Umstehenden angeschaut wird,
die nur langweilige Kostüme
wie Löwenanzüge oder Zylinder tragen.
Die geballte Aufmerksamkeit macht ihn high,
zusammen mit dem Schnaps,
er dreht und wendet sich mit geröteten Wangen
wie unter einem heißen Scheinwerfer.
Die Blicke von umstehenden Frauen verraten Gedanken wie
„ist es nicht verdammt kalt in den Netzstrümpfen“,
„in den Schuhen könnte ich keine zehn Minuten stehen“
oder „ist der jetzt eigentlich schwul oder was“?
Was genau in seinen Gehirngängen vor sich geht,
ist eine gute Frage.
Vielleicht denkt er
„so heiße Beine wie ich hat nicht mal eine Frau“,
„eingezwängte Zehen machen irgendwie geil“
oder „Ihr dürft ruhig mal meinen Rock heben,
ich habe keinen Slip an“.
Jedenfalls scheint er auf etwas zuzusteuern,
eine Art Erfüllung,
einen Glückstaumel.
Nur wenige Meter neben ihm steht ein Mann ganz in Schwarz.
Keine Verkleidung, teuer- konservative Alltagskleidung.
Sein Blick ist gebannt
auf die Netzstrumpfhosenbeine des Mannes gerichtet,
man spürt Gedanken aus seinem Kopf blitzen,
wie Stroboskoplichtpfeile.
Der Mann ist in Rage,
ganz ohne Alkohol.
Lieber schnell weitergehen.