Sehen
Gertrud
Sind dies die Brüste
die ich so begehrte?
Ist das der Arsch
den ich so gerne?
Ist das der Mund
den ich?
Ist das die Muschi
die ich niemals?
Meine Güte, wie lang ist das alles her?
Sie sieht aus
wie ich sie in Erinnerung habe.
Genau so.
Ihre dunkelbraunen Augen.
Sind das die Augen
die ich?
Ja, sie sind es.
Und ihre Hände, wie Männerhände.
Wie sie mich immer packte,
an meinen Handgelenken,
um mir dann –
wehrlos wie ich war –
über mein Gesicht zu lecken.
Mich dann losließ, vor mir wegrannte,
um daß ich ihr folgen sollte,
sie einzuholen,
um daß ich sie packen
und hinwerfen sollte
und wir dann kämpfend
im Gras zu liegen kämen.
Ja, das tat ich dann auch.
Doch es war schwer
sie zu besiegen,
obwohl ich ein Junge
und sie ein Mädchen war.
Sie war ein Jahr älter als ich
und auch stärker.
Aber nicht immer.
Manchmal konnte ich sie auch überwältigen.
Dann lag ich über ihr
und meine Hände hielten
ihre Handgelenke
ins Gras gedrückt,
und meine Knie drückten
auf ihre Ellbogen,
während mein Hintern
auf ihrem Bauch saß.
Dann spuckten wir beide uns meistens
gegenseitig ins Gesicht
und ich beugte mich zu ihr runter
um dann über ihr Gesicht zu lecken.
Igitt, du Schwein, schrie sie mich dann an,
obwohl sie es zuvor
mit mir gemacht hatte.
Die Sau.
Sie bekam dann einen ganz roten Kopf
vor Wut,
daß ich sie untergekriegt hatte
und sie wand sich
so gut sie konnte
unter mir,
um loszukommen
und mich zu packen.
Bei diesen Kämpfen im Sommer
trug sie immer
ein geblümtes Kleid.
Immer in anderen Pastelltönen.
Und darunter weiße Schlüpfer
und einen weißen BH
den man nur erahnen konnte.
Sie hatte relativ kleine Brüste,
und obwohl sie nicht dicklich war,
war sie doch kräftig gebaut
und bei unseren Kämpfen
rutschte ihr Kleid natürlich
immer wieder hoch
und ich konnte ihren Schlüpfer sehen,
der dann schon schmutzig war.
Wir waren dreizehn und vierzehn Jahre alt.
Ein paar Jahre später
machte ich ihr einen Antrag
den sie ablehnte.
Zwar knutschten wir zuvor ausgiebig,
unterhielten uns
über unsere einstigen Kämpfe
und gelobten uns ewige Treue –
aber nur als Freunde.
Sie wollte mich nicht
als Liebhaber
oder Lebensgefährte.
Das hat mir zu schaffen gemacht.
Eines Tages bekam ich Post von ihr.
In dem Briefumschlag war nur
ein Schwarzweiß-Foto
mit einer auf der Rückseite stehenden
kurzen Zeile:
„Gertrud“ –
und eine Jahreszahl.
Das Foto war eine Aufnahme von ihr
die sie nackt zeigte.