Sehen
Gespenstersex
Ich seh mich um.
In den Gemäuern des alten Schlosses kommt mir alles irgendwie unheimlich vor.
Kein Wunder, ich bin allein hier.
Mechthild hat in letzter Minute die Besichtigung abgesagt.
Wir wollen vielleicht dieses kleine alte Schloß,
hier auf dem Lande,
im tiefsten Sachsen,
käuflich erwerben –,
für unser soziales Kunstprojekt.
Für wenig Geld – steht ja seit so vielen Jahren leer.
Naja, mal schauen.
Der Eigentümer hat mir den Schlüssel ausgehändigt
und ich darf hier übernachten.
Toll.
In fast jedem Raum –
auch auf den Fluren –,
ist elektrisches Licht vorhanden.
Immerhin.
Nur sind die Räume kalt,
ja, für Ende Mai…
Ich habe meine Sachen mit,
samt Schlafsack und Verpflegung,
und eine Flasche Rotwein.
Das soll mir reichen.
Angst habe ich gottseidank nicht,
obschon es in diesen uralten Gemäuern nicht so ganz geheuer ist.
Baujahr 1621.
Draußen, und im verwilderten alten Schloßpark,
wird es langsam dunkel.
Ich setze mich auf die Parkbank im Hof
direkt vor der großen Freitreppe
und rauche eine Zigarette.
Die große zweiflügelige Eingangstür steht offen
und in der Eingangshalle brennt ein spärliches Licht.
Die Atmosphäre ist romantisch.
– Doch was ist das?
Ich höre aus der Eingangshalle Geräusche.
Eine Art Gemurmel?
Ich denke zunächst an Wind,
an Zugluft,
aber es ist im Moment nahezu windstill,
da draußen.
Jetzt höre ich es deutlicher.
Ich höre genau hin.
Sind es tierische Laute?
Ich bleibe noch auf meinem Platz,
rauche weiter
und höre.
Jetzt erkenne ich eindeutig
ein langgezogenes,
halb geflüstertes
„Jaaaa…!“
Und mich durchfährt ein Schreck!
Was nicht sein kann,
darf auch nicht sein.
Doch gleich darauf ein zweiter,
stimmenartiger Laut:
„Aaaahh…!“,
klingt es.
Aus derselben Richtung!
Das muß gleich links hinter der Eingangstür sein –
auf dem langen Gang zum kleinen Ballsaal.
Das alte kleine Schloß ist heruntergekommen,
sehr renovierungsbedürftig,
nicht daß irgendwo ein Fenster nicht gut genug verschlossen war
und Personen eingestiegen sind!
Aber nein, hier in der Provinz,
mitten im Dorf…
wer sollte da schon heimlich einsteigen,
wenn drinnen Licht ist
und ich hier im erhellten Hof sitze
und rauche
und Rotwein trinke.
– „Jaaaa, fester… noch tiefer…!“ –
Himmel, das klang nach einer Frauenstimme!
Eindeutig eine Frauenstimme!
Ich stehe auf und betrete die Eingangsstufen,
gehe herein in die Halle
und wende mich gleich nach links,
dem langen Gang zu,
aus dem ich die Stimmen zu hören meinte.
– „Laß mich machen… oh… tut das gut…!“ –
Eindeutig eine zweite Frauenstimme!
Viel tiefer als die erste.
Und was jetzt?
Ich stehe wie gebannt –
höre,
sehe aber nichts.
Die Stimmen werden eindeutiger –
sie raunen sich etwas zu,
sie stoßen Stöhnlaute aus.
Und jetzt… zeichnet sich – schemenhaft sichtbar –
eine Gestalt ab…
wie aus dem Nichts:
es ist eine weibliche,
in einem weiten,
weißen,
fast durchsichtigem Nachtgewand.
Es schimmert sichtbar
ihr nackter Körper durch.
Deutlich zu erkennen.
Und schon entschwindet die weibliche Gestalt wieder –
wie in einem dichten Nebel getaucht.
Doch gleichzeitig werden die Stöhnlaute beider Stimmen deutlicher:
eindeutig deutlich:
es sind Laute wie es Menschen beim Sex hören lassen.
Ihr gemeinsames Stöhnen geht in eine Art Hecheln über,
von anstachelnden obszönen Worten begleitet,
und die eine kündigt an,
gleich zu kommen!
Ja doch, und die andere beginnt wie gehetzt zu hecheln
und wieder ein langgezogenes
„Jaaaaaaaaaaaaa…!“
ist zu hören,
und die andere raunt in den Raum
„Hildegard!“
– Dann ist nichts mehr zu hören,
nichts mehr zu sehen,
nichts zu vernehmen –
als wäre das alles nicht geschehen.
Ich rufe in den leeren Gang hinein:
„Hört ihr mich?
Wer seid ihr?“
Aber es bleibt alles weiter still –
und stumm.
Kein Laut, nur das Geräusch des Windes von draußen,
der die Zweige der Bäume bewegt.
Ich stehe da und bin sprachlos.
Frage mich, was ich hier gehört,
gesehen,
erlebt habe.
Gespenstisch.
Gespenstersex?