Sehen
Glück gehabt
Würde ich es wiedererkennen, wenn es mir noch einmal begegnete?
Oder war ich blind geworden, wollte es nicht mehr zulassen?
Langsam biege ich nach links ab, fahre in eine mir unbekannte Straße.
Da! Ein paar Meter weiter am Straßenrand steht es und winkt mir freundlich zu.
Ist es das? Ich lasse das Beifahrerfenster herunter und beuge mich herüber,
um es besser sehen zu können. Ich bin mir fast sicher.
Wir lächeln uns an. „Darf ich zu Dir einsteigen?“, fragt es errötend.
Und ich lade es freudestrahlend, nicht minder errötend, zu mir ein.
Ja, wir hatten im Laufe unseres Lebens schon einige Begegnungen.
Das Glück und ich. Und ich war nicht immer glücklich mit ihm.
Dieses Mal kommt es mir ein wenig verändert vor, zunächst.
Freier vielleicht, neugieriger, entdeckungsfreudiger. Aber auch vorsichtiger.
Es zeigte mir in der Vergangenheit Inseln, unbekannt und wunderschön,
Orte der Ruhe und der Geborgenheit, der Phantasie und Abenteuer.
Es lehrte mich zu schweben, dann zu fliegen – und mutete mir zu viel zu.
Entgegen der Hoffnung, es möge nun für immer oder zumindest
für eine sehr lange Zeit bleiben, erlahmten meine Flügel.
Mit dem Glück auf dem Rücken – oder dem wozu es sich verändert hatte –
wurde es auf Dauer zu schwer, die Landungen wurden härter.
Schließlich stürzten wir jedes Mal gemeinsam ab.
Was man liebt soll man loslassen, gehen lassen, sagt der Volksmund.
Und so ließ ich es wieder gehen. Dankbar für die Zeit, die wir hatten.
Eine wirklich schöne Zeit. Danke, liebes Glück, dass Du da warst.
Und wenn Du wieder einmal in der Nähe bist … wer weiß,
schau doch einfach mal vorbei.
Nun ja, und da ist es wieder. Ich heiße es mit offenen Armen willkommen
und dieses Mal versuche ich nicht, es festzuhalten.
Sondern genieße einfach seinen Besuch und akzeptiere,
dass es immer weiter muss, denn es stolpert lieber auf neuen Wegen
als auf der Stelle zu treten …
Wieder einmal Glück gehabt.