Sehen

Gräfin Cordelia von Strack

Ferdinand Freiherr von der Ferne

Ich gehe die Stufen herauf.
Ich stehe vor der Eingangstür.
Ich schaue auf das Eichenholz,
das alt,
und mit einem farblosen Lack gestrichen ist –;
sehr edel.

Ich traue mich nicht so recht die Klingel zu betätigen,
aber ich tue es.
Ich warte,
und in der geöffneten Tür erscheint ein Dienstmädchen.

Ich sage ihr meinen Namen und mein Begehr
und sie sagt sie würde mich anmelden,
und schließt wieder die Tür.

Ich warte und frage mich,
ob ich nicht doch wieder zurück gehen soll.

Ich wundere mich jedoch,
daß sie,
Cordelia,
die vor zwei Jahren Gräfin geworden ist,
persönlich die Tür öffnet
und mich hereinbittet.

Ich bin befangen –;
Cordelia war schließlich meine Ex,
und seit sie Graf Heribert von Strack geheiratet hat,
haben wir uns nicht mehr gesehen.

Ich denke darüber nach,
ob es gut gewesen wäre,
wenn wir unsere Treffen weiter betrieben hätten.

Ich bin mir nicht sicher,
ob sie damals nur deshalb unsere Zusammenkünfte abgelehnt hat,
weil sie,
wie sie behauptete,
sich verpflichtet fühlte,
auf ihren Gatten Rücksicht zu nehmen.

Ich habe ihr das irgendwie nie so richtig abgekauft.

Ich kenne Cordelia und ihre erotischen Bedürfnisse und Begierden
einfach zu lange.

Ich denke, wenn wir seit unserer Trennung vor fünf Jahren,
uns nicht immer wieder mal zu erotischen Treffen im Hotel Savoy,
Zimmer 219,
zusammengekommen wären,
würde ich ihr das mit ihrem Pflichtgefühl ein wenig mehr abkaufen.

Ich denke da so an meine jetzige Freundin
und an ihren Lover,
vor Graf von Strack.

Ich weiß genau, die hatten doch beide keinen Schimmer
und unsere Treffen verliefen so unauffällig wie sie erotisch waren –,
extrem erotisch,
ekstatisch!

Ich bedauere von daher,
daß es so gekommen ist,
und ich Cordelia erst jetzt,
nach so langer Zeit,
erst wiedersehe.

Ich fühl mich geehrt und geschmeichelt,
von dem was mir Cordelia gerade zuflüstert,
und daß sie mich an die Hand nimmt
und mich in den großen Salon führt
und mir die grausliche Ahnengalerie der alten Ölgemälde entlang,
weiter in ihr privates Gemach –;
mit der Bemerkung,
ihr Gatte sei nicht daheim,
käme erst in den nächsten Tagen.

Ich bin erstaunt, daß Cordelia so ungemein vornehm gekleidet ist,
so ganz anders als früher,
die sich stets so locker und leger gab,
in Jeans und lockeren Blusen und Turnschuhen.

Ich bin mehr als verblüfft,
als sie sich dieses wunderschöne,
kostbare blaue Seidenkleid abstreift
und in einer champagnerfarbenen Korsage
mit passend farblichen Seidenstrümpfen vor mir steht
und mich zu ihrem Bett hinzieht.

Ich bin hin und weg,
als sie sich ihrer Korsage entledigt,
und nackt,
nur noch mit ihren Seidenstrümpfen bekleidet,
eine wahrhaft schweinische Aufforderung an mich macht.

Ich bin im Himmel Nummer soundso,
als ich mit Cordelia all das wieder mache,
was uns jahrelang zusammengehalten
und uns so sehr gefehlt hat.

Cordelia war wieder so richtig die versaute alte Sau.
Gräfin Cordelia von Strack.

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