Sehen

Großstadt Singles

Claudia Carl

Warum erkennt man die Großstadt Singles,
Mitglieder der gleichnamigen Vereinigung,
intern „Grosis“ genannt,
sofort?

Ein Abend in einer leeren Krankenhaus Cafeteria.
Der Rolladen des Kiosk ist heruntergelassen.
Ab und zu geht jemand durch die Glastür hinaus
auf die Dachterrasse,
auf der die Patienten sich tagsüber gesonnt haben.

Auf einem Stuhl sitzt ein Mann
in dunkelblauem Bademantel.
Er hat einen Dreitagebart,
vielleicht ist es auch die Krankenhaus-Verkommenheit.
Die Haare haben schon länger keinen Friseur gesehen.
Er hat eine Vorderglatze.

Der Bademantel ist schlampig gebunden,
eine Gürtelseite länger als die andere.
Die Farbe des Frottees ist verblasst.
Nicht sehr,
aber ein paar Jahre hat das Kleidungsstück schon auf dem Buckel.

Unter dem Mantel schauen Hosenbeine heraus.
Vermutlich ein Schlafanzug.

Der Mann war schon tagsüber auf der Dachterrasse
im Gespräch mit einer Dame.
Er hat sich jetzt am Abend gerade hier niedergelassen,
apathisch.

Zeit im Krankenhaus.

Da erscheint ein grell oranger Fleck
in der Tür zur Cafeteria.
Eine Frau.
Kurze Haare.
Schlank.
Orange Daunenjacke.

Er äüßert ein kleines „Ach“.

Im ersten Moment könnte man glauben,
die Besucherin sei nicht willkommen.
Aber selbst das wäre zu viel gesagt.

Sie ist weder willkommen,
noch unwillkommen.
Sie ist einfach unvermeidbar.

Jemand, der sich jederzeit ungefragt näher kann.

Sie könnte seine Schwester sein.
Aber sie ist ein „Grosi“.
Darauf würde ich jede Wette machen.

Die Grosis treffen sich zu allerlei Gruppenaktivitäten.
Jemand hat eine gute Idee,
stellt sie online – tanzen gehen, brunchen, kegeln –
und Klaus, Eva, Hans-Martin tragen sich als Interessenten ein.

Alles Dinge, die man schon immer machen wollte,
aber nicht alleine.

Der Tonfall bei den Treffen ist lapidar.
Wie unter entfernten Verwandten,
Cousins und Cousinen,
die man eigentlich nicht kennt,
noch nie im Leben gesehen hat,
die man aber aufgrund der Verwandtschaft keiner Prüfung unterziehen darf,
wie man es im sonstigen Leben mit Menschen macht.

Ist das Gegenüber nett,
hat er eine ansprechende Aura,
mag man seinen Kleidungsstil,
hat er Humor.
Stimmt die Chemie.

Bei Verwandten wird die Chemie gezwungenermaßen ignoriert.
Würde sie bei jemandem nicht stimmen,
könnte man eine Familienfehde riskieren.

Also egal, Cousin A, B, C und D stehen auf einer Ebene,
alle Sympathie- und Antipathie-Antennen werden auf mute geschaltet.

Und man redet eben über das Wenige,
das man vielleicht über den alten Onkel weiß
oder über die Kommunion anno Asbach
auf dem Bauernhof der Oma.

Dieselbe Antennen-Ausschaltung findet bei den Grosis statt.
Per definitionem trifft Grosi Grosi
so Aura-frei wie den alten Cousin vom Bauernhof.

Es entsteht eine paradoxe Energie.
Denn das höhere Ziel der Grosis ist ja,
sich zu verlieben.

Aber so wenig wie man Hans-Peter aus der eigenen Vergangenheit
ans eigene Erotikzentrum rühren lässt,
so wenig funkt es in einer Grosi-Gruppe.

Der Herr im blauen Bademantel
und die Dame in Orange begrüßen sich
auf absonderliche Weise:

Sie streckt beide Arme weit aus,
schon in der Glastür stehend.

So als wolle sie ihn von sich fernhalten
und zugleich umarmen.

Oder als sei Corona über Nacht zurückgekehrt.

Sie sitzen sich dann an einem runden Klinikskantinentisch gegenüber
und besurren sich gegenseitig
im aurafreien, einschläfernden Tonfall.

Es klingt, als liefen zwei Zahnräder
im selben Ratterton,
mal das eine,
mal das andere.

Es gibt keine Höhen
und keine Tiefen im Gesagten.
Keine besondere Betonung.

Jeder von beiden redet gelangweilt uninteressiert vor sich hin,
sucht nach irgendetwas,
das aus dem Mund kommen könnte,
ein Dialog der vollkommenen Bedeutungslosigkeit.

Führt die Dame etwas im Schilde?
Möchte sie etwas unter dem Bademantel in Bewegung setzen?
Brodelt es unter dem eintönigen Summton?

Bevor ich es herausfinden kann,
bin ich eingeschlafen.

Zugriffe gesamt: 13