Sehen

Großvaters Tränen

Charles Haiku

In einem Tal stand eine Hütte.
Davor auf der Veranda saß
ein alter Mann.
Er saß dort still,
fast regungslos,
und weinte eine Träne
nach der anderen.
Sie fielen in eine Schale
und wenn die Schale voll war,
füllte er die Tränen
in kleine Fläschchen um,
die er mit einem Etikett versah
und auf die er etwas schrieb.
So stand auf dem einen
zum Beispiel „Für Erika“
und auf dem anderen „Dienstag“.
Wenn der Abend angebrochen war,
nahm er alle Fläschchen
und trug sie in den Keller
und verstaute sie in einem Regal.

In der Mitte des Jahres
kam seine Enkelin zu Besuch.
Sie stieg aus dem Bus,
der sie aus der großen Stadt
an den Rand des Tales gebracht hatte
und wanderte die letzte Strecke hinab
zum Großvater.
Unten angekommen,
klebten ihre Haare am Nacken
und über der Schulter trug sie
einen schweren Rucksack.
Sie hatte sich beim Großvater angekündigt,
die Sommerferien bei ihm zu verbringen,
um dem Trubel und dem Gewusel
der großen Stadt zu entfliehen.
Sie benötigte einfach ein wenig Einsamkeit
und Entspannung.
Das Haus des Großvaters roch
nach altem Holz und getrocknetem Lavendel.
Der alte Mann begrüßte sie
mit einem leichten Nicken
und reichte ihr einen Becher Wasser
zur Erfrischung.
Beide setzten sich auf die Veranda
und schwiegen.
Dann rollte dem Großvater
die nächste Träne aus dem Auge,
die in die Schale fiel.
Mit einer Handgeste wies er
seine Enkelin an,
still sitzen zu bleiben
und ihm dabei zuzuschauen.

Am nächsten Abend fragte sie ihn,
warum er die Fläschchen
mit seinen Tränen fülle.
Warum er so viel weine.
Der Großvater hielt kurz inne
und sagte, dies habe mit dem Tod
meiner Frau zu tun.
Sie hat kurz vor ihrem Ableben
zu ihm gesagt:
Alles was du gibst,
kehrt irgendwann zurück.
Er habe erst nicht verstanden,
was seine Frau damit gemeint habe.
Aber er habe begonnen,
seinen Schmerz auf diese Art und Weise
in Tränen zu verwandeln.
In der Hoffnung,
dass er sie so wiederfindet.
Es fühle sich richtig an.
Und wenn es nur die Erinnerung
an die vergangene Zeit ist,
die so wiederkehrt.
Sie hielt es für eine Art Selbstbetrug,
für etwas Schrulliges was alte Menschen tun,
damit sie nicht verrückt werden.
Sie widersprach nicht.
Stattdessen blieb sie bei ihm sitzen
und sah zu,
wie er die Fläschchen füllte,
und sie half ihm später,
sie in den Keller zu tragen.
Dort staunte sie,
denn die Regale waren voll
hunderter kleiner Gläschen.
Sorgsam aufgereiht
mit winzigen, silbernen Schraubverschlüssen.

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