Sehen
Gute Männer vor dem Automaten
In den Straßen von Berlin
fror sich Katharina den Arsch ab.
Es war ekelhaftes Berliner Winterwetter.
Nass und windig.
Sie hockte vor einem Sparkassen-Automaten.
Ihre Lippen waren blau
von der Kälte
und dem letzten Zug Crack.
Sie war neunzehn,
aber sah aus wie dreißig.
Ihr Stiefvater, war als er noch lebte,
ein versoffener Bastard,
namens Rudi.
Letztes Jahr verreckt.
Der liebe Gott,
habe seine Seele gnädig.
Vielleicht sitzt er jetzt
auf Wolke Sieben
und reicht dem Schöpfer
eine Crack-Pfeife.
Oder dem Teufel,
falls er in der Hölle schmort,
was wahrscheinlicher ist.
Ihr hat er das Zeug ja auch gegeben.
Als sie dreizehn war.
Um sie "ruhig zu halten",
wie er sagte.
Ja, sie war schon speziell.
ADHS würden Ärzte wahrscheinlich sagen.
Dann die Hände unter ihr Shirt geschoben,
weil "das ja nur Familie ist".
Sie hat es geschehen lassen.
Erst aus Angst,
dann aus Neugier,
dann aus Gewohnheit
und dann aus Ekel.
Um sich zu bestrafen,
dass sie es immer wieder geschehen lässt.
Jetzt stand einer vor dem Automaten.
Könnte vom Alter her
ihr Stiefvater sein.
Auch vom Gang
und der Kleidung.
Klar, ist er es nicht.
Aber so der Typus.
"Hey, alter Herr,
brauchst du Gesellschaft?
Ficken?
Für 'n paar Euro
mach ich dich glücklich."
Sie wusste, dass hier kein Zuhälter lauerte,
der ihr das Geld abknöpfen würde.
Das brauchte sie
für den Stoff selbst.
Der Kerl glotzte zurück
und ging,
als habe er nicht verstanden,
oder vielleicht war auch bei ihm
das Geld knapp.
Sah, ja aus,
wie ihr Stiefvater.
Da hatte auch nie Geld.
Doch jedes Mal,
wenn ein alter Sack wollte
und zahlte,
grinste sie innerlich,
weil es ihrer Mutter eins auswischte.
Diese Kuh,
die immer weggesehen hatte.
"Rudi ist ein guter Mann",
hatte sie genuschelt,
während sie in der Küche
Kartoffeln schälte
und das Nebenzimmer ignorierte.
Jetzt, wo Rudi tot ist,
rennt die alte verranzte Tusse
immer in die Kirche.
Sie beichtete dem Pastor alles –
die Sünden der Sippschaft
und lässt sich anschließend
vom braven Kirchenmann durchvögeln.
Scheint in der Familie zu liegen.