Sehen
Halb-Obdachlos
Der Regen schlägt seit Stunden
gegen die Scheibe.
Gleichmäßig.
Fast wie ein Metronom.
Viktor liegt auf dem
schmalen Sofa.
Seine Arme sind über
dem Gesicht verschränkt.
So, als könne er
die Sorgen damit ausblenden.
Was er nicht sieht.
Existiert auch nicht.
Dass das Quatsch ist,
weiß er selbst.
Aber es ist so
ein unterbewusster Reflex.
Er denkt an den Moment,
als er die Kündigung
auf den Tisch legte.
Nicht hingeschmissen, nein,
vorsichtig platziert.
Er ist ja höflich.
Zu Hause hat er
die Flasche geöffnet.
Nicht aus Verzweiflung,
eher aus Gewohnheit.
Schluck für Schluck
ins Vergessen abgetaucht,
dann ins Träumen.
Es tauchen Bilder auf.
Der Weg in den Park.
Die Bank, die später
keine Bank mehr war,
sondern nur noch
eine kalte Fläche.
Menschen gingen vorbei.
Niemand blieb stehen.
Das ist das Schlimmste
und zugleich das Erleichterndste:
dass man unsichtbar wird,
sobald man aufhört,
nützlich zu sein.
Er hat sich gefragt,
warum er immer wieder
sein Leben zerstört.
Seinen Weg sabotiert.
Warum gekündigt?
Warum sucht er den Frust,
als Häufchen Elend
irgendwo zu liegen?
Er ist ein Halb-Obdachloser.
Einer mit Wohnung.
Kriecht immer wieder zurück
ins Nest, um dann
wieder auszubrechen.
Pendelt zwischen Suhlen
im Schmutz und Auferstehung
für ein paar Tage.
Jetzt, Stunden später,
sitzt er wieder
in der Wohnung.
Die Fernheizung macht
komische Geräusche.
Wie ein Röcheln,
wenn einer ersäuft.
Auf dem Tisch steht
immer noch die leere Flasche,
daneben das Handy
mit einem verpassten Anruf.
Er hat die Nachricht
nicht abgehört.
Noch nicht.
Vielleicht morgen.
Vielleicht auch nie.
Die Tochter ruft selten,
und wenn, dann meistens,
weil etwas passiert ist.
Etwas, das er nicht
reparieren kann.
Er steht auf,
geht zum Fenster,
lehnt die Stirn gegen
die kalte Scheibe.
Draußen bewegt sich
die Stadt weiter,
Autoscheinwerfer ziehen nasse Streifen
über den Asphalt.
Irgendwo bellt hartnäckig
ein Hund.
Viktor atmet tief ein.
Die äußere Welt kitzelt
noch in seiner Nase.
Er könnte duschen gehen.
Er könnte Kaffee kochen.
Er könnte die Nachricht abhören.
Er könnte auch runtergehen
und im Späti
eine neue Flasche kaufen.
Er ist unschlüssig.
Was auch sonst.