Sehen
Heiße Erinnerung
Vorgestern ist es heiß geworden.
Seltsamerweise geht es mir wie einer Menge Menschen:
Bei Hitze tauchen plötzlich Schmerzen auf,
an Stellen, an denen schon einmal herumgeschnippelt wurde.
Narbenschmerz.
Dass es vielen Menschen so geht weiß ich durch eine Statistik von Google,
über die ich vor Jahren einmal gelesen habe.
Sobald die Temperaturen steigen,
geben sehr viele Menschen zum Beispiel „Knieschmerz“
in die Suchmaschine ein.
Mein junger Physiotherapeut erklärte mir erst heute Morgen,
dass sich durch Wärme die Blutgefäße ausdehnen
und Schwellungen auftauchen könnten.
Es sei daher anzuraten,
Thrombosestrümpfe zu tragen.
Ich weiß nicht, was der Bub glaubt,
aber selbst in meinen Alter werde ich im Sommer ganz sicher nicht
mit diesen Liebestötern an den Beinen rumlaufen.
Ich habe also rundweg abgelehnt.
Vorgestern ist es heiß geworden,
und plötzlich tauchte noch etwas anderes in meinem Gehirn auf.
Erinnerungen an das legendäre Jahr 2003,
in dem es von Ende April bis Ende September durchgehend so heiß war wie in Sizilien.
Mein Physiotherapeut hat bestätigt,
dass er damals noch im Kindergarten war.
Ich aber lernte an Fasching einen Franzosen kennen,
der „so gerne den Orgasmus der Frau auf der Zunge“ spürte.
Das fand ich durchaus interessant
und ließ mich mit ihm ein.
Doch wenig später brachte er einen Freund mit,
der dominante Eigenschaften zur Schau stellte.
Mir nichts, dir nichts verließ ich den Zungenmann
und lief zum Dom über.
Der übrigens auch durchaus erfolgreich seine Zunge gebrauchte.
Vorgestern also, als sich die Hitze auf meine Haut legte,
durchfuhr mich plötzlich ein Deja Vue von 2003.
Ein Deja Vue von der Rund- um- die- Uhr-Geilheit,
die ich damals verspürte.
Von den schlaflosen und niemals ermüdenden Nächten.
Nach der Arbeit,
die ich meist illegal abkürzte,
stand ich barfuß am sprudelnden Brunnen am Lenbachplatz in München,
wo wenig später Kurt mit seiner alten Kutsche hielt.
Ich stieg ein und wir fuhren zum Fohnsee.
Immer wieder und jeden Abend zum Fohnsee.
Er hatte kalten Prosecco eingepackt,
Baguettesemmeln,
Mozzarella und Tomaten.
Die Semmeln belegte er dick,
der Prosecco stieg nach Minuten in den Kopf,
wir saßen immer oben auf dem Hügel
und hatten einen herrlichen Ausblick
auf die Nackten unten am See.
Ich erinnere mich noch an das allererste Mal,
als wir gemeinsam nach unten liefen,
in den morastigen See wateten,
in dem er nach wenigen Schritten meinen Körper betastete.
Wir blieben immer lange dort.
So lange, bis es dunkel wurde,
manchmal länger,
wenn er Kerzen dabeihatte.
Aber meist zogen wir gegen 22.30 Uhr wieder los
in die Fortsetzung unseres Nachtlebens,
das da noch lange nicht zu Ende war.
Manchmal ging es auf seinem Balkon weiter.
Er aß seine Spezialsemmeln auch noch gerne um Mitternacht
und ich tat es ihm gleich.
Wir tranken weiter Alkohol
und landeten erst irgendwann zu später oder früher Stunde im Bett.
Rückblickend staune ich,
dass ich immer noch zum Orgasmus kam,
egal wie früh oder spät es war.
Er war ein dominanter und guter Liebhaber,
aber nicht brutal.
Andere Male landeten wir in einer abartigen Spelunke
an einer lauten Ausfallstraße.
Dort saßen um 4 Uhr morgens
oder wann immer wir auftauchten,
total sedierte Kerle an der Bar,
die aber immer noch Komplimente und Anzüglichkeiten lallen konnten.
Wenn es hell wurde,
fuhren wir irgendwann zu ihm.
Orgasmus.
Am Wochenende musste er allerdings zu seiner Hauptfrau
in deren Wohnung.
Ich hatte dann Aufträge zu erledigen:
Hemden bügeln,
Bad putzen,
Dinge in der Art,
die ich mit Hingabe und Freude erledigte.
Die Hemden hängte ich glücklich auf Bügel,
das Klo putzte ich liebevoll
und träumte davon,
dass er mich eines Tages im Bad einsperren würde,
während er zu einer anderen zum Ficken fuhr.
Mit dem Sommer endete auch unsere Glückssträhne.
Eine Nachbarin seiner Wohnung hatte seine Hauptfrau gefragt,
ob sie nicht mehr mit ihm…da komme ja immer so eine Frau,
die einen Wohnungsschlüssel habe….
Da er beruflich mit ihr in einer Firma
und finanziell abhängig war,
musste er sich von mir trennen.
Ich heulte die ganze Nacht
und fragte: Kommst du wieder?
Er sagte Ja.
Als er im Winter wiederkommen wollte,
war meine Faszination für ihn erkaltet.