Sehen

Heiße Lippen

Claudia Carl

Mohammed konnte nicht anders.
Die zwei Stunden,
die er bisher an diesem Ort
unter lauter Nackten verbracht hatte,
hatten ihn bereits an seine Grenzen getrieben.
Und vor allem an die Grenzen
für sein Verständnis der Welt.
Da liefen unglaubliche Figuren
so mir nichts, dir nichts
völlig unbekleidet in der Gegend herum.
Alte Damen ließen ihre Busen
frei schweben,
während sie aus dem Wasserbecken kamen,
dabei ihren Hintern
den im Becken verbliebenen Männern
einfach so zeigten.
Die aber schienen sich gar nicht dafür zu interessieren,
sie lagen entspannt
mit dem Rücken an der Bande,
die Arme locker oben
auf den Beckenrand gelegt
und paddelten wie Kinder
mit den Füßen,
während zwei Meter neben ihnen
eine splitterfasernackte Dame….

Mohammed hatte sich ebenfalls entkleidet,
denn er wollte nicht auffallen.
Das von der Dame an der Kasse ausgeliehene
weiße Handtuch konnte er aber keine Sekunden
von seinem Unterkörper nehmen,
er hatte genug damit zu tun,
das riesige Zelt,
das sich da bildete,
irgendwie zu verstecken.
Er war auch in einer dieser glühend heißen Saunen gewesen,
in der draußen auf dem Hof,
über den die dampfenden nackten Körper ebenfalls spazierten,
als seien sie von oben bis unten verhüllt.
Seltsame Sitten in diesem Land.
Aber Mohammed musste zugeben,
es hatte ihn neugierig gemacht,
als seine Freunde ihm davon erzählt hatten.
Und da könne man einfach so reingehen
und nackte Damen anstarren?
Ja, einfach so,
der Eintritt betrage 21 Euro,
dafür könne man vier Stunden bleiben,
wer länger bliebe,
zahle fünf Euro drauf.
Krass, fand Mohammed.
Die Deutschen waren ja insgesamt sehr großzügig.
Sie hatten ihm eine Wohnung vermittelt,
zahlten die Miete,
den Strom,
Geld zum Einkaufen.
Aber dass sie auch noch sozusagen Nackte frei Haus…
das war unfassbar.
Und Mohammeds inneres Gewissen machte ihm auch ein wenig Schwierigkeiten,
war dann aber doch einfach auch zu neugierig.
Man musste ja schließlich kennen,
was man verurteilte.

In der sehr heißen Sauna
war Mohammed fast erstickt,
nicht wegen der Hitze,
sondern wegen der Nähe der Körper.
Er schwitzte schon beim bloßen Anblick,
aber das fiel hier zum Glück nicht auf.
Danach drehte er auch eine Runde
über den Freilufthof,
allerdings mit Handtuch bedeckt,
dann sprang er ins eiskalte Becken.
Das half für eine Weile.
Er legte sich auf einen Ruhesessel,
der mitten im Raum stand
und ebenfalls freie Blicke
auf alles Vorbeiwandernde bot.
Nachdem er ein wenig eingeschlafen war,
machte er sich auf
zur nächsten Saunatür.
Als er den Raum betrat,
zwitscherten plötzlich Vögel.
Und es war nicht so übel heiß
wie in der anderen.
Und auch nicht so voll.
Vielmehr lag da nur eine einzige Dame
auf dem Rücken auf einer Bank
und schlief.
Ihre Brustwarzen standen in die Höhe
und luden ihn ein.
Was glaubst du,
wie wir schmecken,
fragten sie,
und Mohammed spürte bereits Milch und Honig
auf der Zunge.
Er näherte sich der Dame
und versank in Anbetung
vor ihrer Schönheit.
Seine Lippen begannen zu glühen
und er musste sie hinabsenken
auf die Nippel dieser Dame.
Schon glitt seine Zunge
über das warme Rot,
das Handtuchzelt bäumte sich auf,
da schlug die Dame die Augen auf –
und ihm mit der Hand ins Gesicht.
Sie setzte sich auf,
schaute Mohammed überrascht an,
ließ die Augen über seinen drahtigen Körper,
die dichten schwarzen Brusthaare,
den schwarzen Bart
und seine erschrockenen Augen gleiten.
Sie hätte eigentlich kreischen
und sofort den Bademeister rufen müssen.
Doch der Anblick dieses jungen Mannes
war so kribbelnd,
und wie lange hatte sie nicht
einen so jungen Körper angefasst,
also lächelte sie ein breites Lächeln,
streichelte die gekräuselten Brusthaare,
lehnte sich vor
und küsste den Fremden
auf den Mund.
Er hatte unglaublich heiße Lippen.

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