Sehen

Holger & Jutta

Ferdinand Freiherr von der Ferne

Es ist überhaupt nicht so.
Es ist ganz anders.

Andreas ist verwirrt.
Sein Schwager hat ihm neulich etwas gesagt,
das Andreas noch lange beschäftigt hatte.

Er sagte: „Wenn das so weiter geht mit Pia,
dann nehme ich eben Zuflucht zur käuflichen Liebe.“

Und spontan erwiderte Andreas:
„Holger, käufliche Liebe gibt es nicht!“
– Ja und dann folgte eine Auseinandersetzung
bei der sie zum Ende des Abends zusammen
mehr als drei Flaschen Rotwein getrunken hatten.

Das Ende vom Lied war,
daß nicht Andreas,
sondern Holger gleich anderen Tages
einen Ausflug ins Rotlichtviertel
der Nachbarstadt unternahm.

Das ging Holger einfach nicht aus dem Kopf,
dieses „käufliche Liebe“…
Er war noch nie bei einer Prostituierten
und konnte sich das nur sehr vage vorstellen,
wie das so sein könnte…

also wenn man mit einer solchen Sex hätte.
Von käuflicher Liebe ganz zu schweigen.

Aber was wollte Holger hier herausfinden?
Er wußte es wohl selbst nicht genau.
– Und dann ging er los –,
und mit hochgeklapptem Kragen und Sonnenbrille
stand er schließlich auf der „roten Meile“.

In den Schaufenstern lockten Frauen
in aufreißenden Outfits.
Soweit schonmal klar.

Holger ging diesen Fenstern dicht entlang
und so manche Fenster öffneten sich
und die jeweilige Dame dahinter,
lehnte sich heraus zu ihm,
mit eindeutigen Fragen.

Also was so seine Wünsche wären und so.
Holger war aber sowas von nervös und befangen,
daß er nur immer wieder mühselig
und mit einem Kopfschütteln
ein „Nein danke“ herausbrachte.

– Aber dann kam es:
Er schaute in die Augen einer Frau
die ihn verlockend anschaute wie die anderen.

Und wie die anderen öffnete sie ihr Fenster
und sprach ihn an:
„Na Kleiner, willst du nicht zu mir rein kommen?
Ist was Schönes!“

Wieviel Sekunden stand er da ohne Antwort?
Holger hat in der Dame Jutta erkannt!

Jutta, in die er Zeit seines Schullebens
bis in die Haarspitzen verliebt war,
aber niemals kriegen konnte,
weil sie die Klassenschönste war,

und folglich bekam sie Heribert,
der schöne große Haudrauf der Klasse.

Wow, Jutta… Holger dachte das nur.
Sprechen konnte er noch nicht.

Aber nach nochmaligem Nachfragen der Dame,
die Jutta war,
gelang es ihm zu sagen:
„Ja, ich komm gern zu dir rein.“

– Ja nun, die Zusammenkunft
und die nachfolgenden körperlichen Tätlichkeiten
waren für Holger eine doppelte Intensiv-Erfahrung.

Jutta hatte ihn übrigens nicht erkannt
– Gott sei Dank nicht!

Und so traf er Andreas am Wochenende wieder
und fragte ihn,
ob nicht mit Pia alles wieder in Ordnung sei.

„Ja, sagte Andreas,
alles wieder in Butter,
mehr sag ich für heute nicht.“
Und das war´s.

– Holger jedoch, dachte noch lange über den Begriff
„Käufliche Liebe“ nach.

Verdammt, er hatte Jutta tatsächlich geliebt…
ja, in echt…
währenddessen…
und hatte dafür bezahlt…

Zugriffe gesamt: 5