Sehen

Hormonelle Blindheit

Charles Haiku

es war ein sonniger vormittag
in der kleinen hafenstadt, wo
die möwen kreischen, die luft nach
salz und fischernetzen stinkt.
ich hockte auf der terrasse des
hafencafés, ein kühles bier in
der pranke, als sie um die ecke
schlendert – maria, mein fang von
gestern abend. in der kneipe am
kai, wo fischer witze wie netze
auswerfen, hatte sie mich mit ihrem
lachen eingewickelt, und ich war
wie ein dummer fisch direkt auf
den köder angesprungen. verliebt bis
über beide ohren, ohne den haken
zu spüren. sie plumpst mir gegenüber
auf den stuhl, ihr gesicht halb
versteckt im schatten des knatternden
sonnenschirms. die sonne bricht durch,
und ich? ich blinzle nicht mal,
zu sehr gefangen in ihrem bann.
„du siehst aus wie eine seegöttin“,
flirte ich, und sie grinst, ihre
schiefen zähne wie wellen, die auf
schroffe klippen krachen. ihre nase
breit wie ein ruder, die haut rau
wie die schale einer auster, die
augen klein, aber glitzern wie perlen,
die das meer ausgespuckt hat. ich
seh nur dieses funkeln, das mir
nächte voller sturm und leidenschaft
verspricht. wir schlendern los, hand
in hand, ihre pfoten rau wie tauwerk,
der sand klebt an ihren füßen, und
sie lacht, als eine welle ihre schuhe
durchweicht. ihr haar riecht nach
lavendel und salz, und ich bin
wie benebelt, während die fischer
glotzen und tuscheln. „guck dir die
alte an“, murmelt ein bärtiger seebär.
ich hör’s nicht. oder will’s nicht
hören. doch als der mond bleich über
dem hafen hängt, lieg ich wach, und
die rosarote brille rutscht mir
langsam von der nase. der nebel
der verliebtheit lichtet sich, und
ich seh’s: falten, tief wie ankerketten,
die ihre mundwinkel zerschneiden,
haut fleckig wie ein altes segel,
das zu viele stürme gesehen hat.
„pottenhässlich“, flüstern die leute
am kai, und ich kann’s nicht mehr
ignorieren. gestern war sie noch
eine meerjungfrau, die mich mit einem
blick in den bann gezogen hat. heute?
ein trugbild, das im mondlicht zerfällt.
ich dreh mich um, starre in die
dunkelheit und frage mich, wie ich
so blind sein konnte. liebe, du
verdammte tiefseefalle, du beißt
zu, bevor man die dornen spürt.

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