Sehen
Ich werde sie niemals vergessen
Ich sehe ihre entblößte Schulter
und gerate in einen Zustand,
den zu beschreiben ich nicht kann.
Ich schließe die Augen
und rieche, wie ihre Halsbeuge riecht –
ein Duft, den ich niemals vergessen werde,
obwohl er nur in meiner Vorstellung existiert.
Ich sehe mich, wie ich mich über sie beuge,
ich bin ja um einiges größer als sie.
Ich neige mich zu ihr hinunter
und atme diesen Duft ein,
der mich ausfüllt,
der mich umschließt wie eine zweite Haut.
Ihre Haare – sie sind mittelblond.
Ja, nicht sehr originell,
aber es sind ihre.
Ihre Haare und nicht die von einer anderen.
Ich liebe alles an ihr.
Ich bin so verliebt,
dass ich den Stuhlsitz, wo sie zuvor drauf gesessen hat,
beriechen und küssen möchte.
Ja, so verrückt bin ich.
Sie ist für mich einfach alles.
Sie strahlt so, wenn sie lacht.
Und wenn sie es nicht tut,
wenn sie nicht lacht,
dann sieht ihr Gesicht so nachdenklich aus,
so – als würde sie über etwas Ernstes nachdenken,
etwas, was wichtig ist,
und bei dem womöglich ihre Hilfe notwendig ist.
All sowas habe ich mir ausgedacht,
wenn ich sie mal auf der Straße gesehen habe.
Nein, gesprochen habe ich mit ihr natürlich noch nicht.
Sie weiß ja gar nichts von mir.
Dass es mich gibt.
Nein, das weiß sie nicht.
Das mit der Halsbeuge habe ich mir auch nur ausgedacht –
erträumt.
Ich habe keinerlei Möglichkeit,
ihr näher zu kommen.
Sie ist manchmal nur einen Meter oder zwei von mir entfernt.
Ich sehe sie ja fast täglich auf der Straße.
Aber ansprechen kann ich sie nicht.
Ich traue mich einfach nicht.
Sie ist viel zu schön für mich.
Wenn ich mich trauen würde,
könnte ich bestimmt nur unzusammenhängende Worte stammeln
und mitten im Satz aufhören,
weil ich einfach zu aufgeregt wäre.
Ich habe noch niemandem von meiner Verliebtheit zu ihr gesprochen.
Ich behalte es auch weiterhin für mich,
dieses Geheimnis.
Mein Geheimnis.
Ich bin so verliebt,
ich weiß nicht, was ich sonst noch denken sollte
als an sie.
Wenn ich sie nicht sehe,
dann denke ich an sie.
Ständig.
Den ganzen Tag über.
Und nachts träume ich von ihr.
Dann darf ich an ihrem Bett stehen
und über ihren Schlaf wachen.
Und sie dabei anschauen.
Wie sie schläft.
Wie schön sie dann ist,
wenn ihre Augen geschlossen sind.
Es ist unglaublich.
Sie weiß nichts von mir.
Sie kennt mich nicht.
Ich bin nicht existent für sie.
Dabei würde ich alles für sie tun.
Ich würde für sie verrückt werden,
wenn sie es von mir verlangte.
Oder bin ich es nicht schon…?