Sehen

Ikea

Claudia Carl

Ja, wir werden heiraten.

Tom sagte sich den gefährlichen Satz vor,
um sich daran zu gewöhnen.

Er hatte Sandra einen Antrag gemacht,
quasi mitten im geilen Sex.
Da war ihm das alles ganz toll vorgekommen,
genau die richtige Entscheidung.

Aber schon als sein Sperma
an seinen Eiern klebte,
kam diese kleine Depression.

Es war immer das gleiche.
Er war in einer Sekunde euphorisch und lebensfroh,
dann näherte sich urplötzlich eine dunkle Wolke
und eine Traurigkeit schob sich über alles.

Dafür gab es aber überhaupt keinen Raum
nach dem Heiratsantrag.

Sandra war dermaßen happy und fröhlich,
dass er mit seiner Mini-Depression
gar nicht hätte zu ihr vordringen können.

Sie hatte rote Wangen vom Sex,
ein helles Strahlen im Gesicht,
holte zwei Gläser aus der Küche
und eine Flasche Prosecco.

Tom musste sie öffnen
und in die Kelche eingießen,
und dabei sein Lächeln nicht verlieren,
was eine unglaubliche Kraftanstrengung war.

Heiraten, das hieß natürlich auch Zusammenziehen.

Oh mein Gott, dachte Tom,
was eine einzige geile Sekunde
für Folgen haben konnte.

Nach dem Frühstück wollten sie dann gleich los zu Ikea.
Denn Sandra hatte die Idee, bei Tom einzuziehen,
der tatsächlich eine Vier-Zimmer-Eigentumswohnung
in wunderbarer Lage besaß.

Denn beruflich war er schon immer erfolgreich gewesen,
und er hatte geerbt.

Aber bisher waren die 160 Quadratmeter sein Reich gewesen.

Er fasste sich an den Schwanz,
an dem das Sperma klebte.

„Ich muss erstmal duschen“, sagte er,
ließ sich eiskaltes Wasser übers Gesicht laufen
und eine Frage zermarterte sein Gehirn:
Wie komme ich da wieder raus?

Ikea an einem Samstag, ein Alptraum.

Das Parkhaus war voll
und Tom gereizt bei dem Versuch,
seinen Wagen irgendwo abzustellen.

Kaum sah er einen leeren Platz,
war es ein Eltern-Kind-Platz.

Je genervter er wurde,
desto lieblicher wurde Sandra.

Sie zeigte sich von ihrer allerbesten Seite,
so als Braut.

Als sie endlich in den Konsumtempel eindrangen,
empfing sie dicke Luft.

Die ausgestellten Möbel waren offensichtlich
in einer Art Schneckenhaus aufgebaut.

Der Weg führte immer weiter im Kreis,
immer mehr junge Paare drängten sich dort entlang,
stoppten bei Küchen und Sofas,
blieben bei Kaffeemaschinen und Zitronenpressen stehen,
Frauen wiegten Geschirrtücher in den Händen
als seien es wertvolle Utensilien.

Tom wurde immer heißer,
unter seiner Kleidung bildete sich
ein einengender Schweißfilm auf der Haut.

Wenn wieder eine Kurve kam,
hoffte er auf das Ende des Möbel-Wahnsinns,
doch dann kamen weitere Massen an Schränkchen und Regalen,
Kissen und Kuscheldecken.

Dann plötzlich wurden die Gegenstände kleiner,
man war in der Kinderabteilung gelandet.

Sandra blieb an idiotischen Minibetten stehen,
nahm Spieluhren liebevoll in die Hand,
schob kitschige Wiegen hin und her.

Ein Schreck durchfuhr Tom:
Sie war doch nicht etwa schwanger?
Von genau diesem Sex heute Morgen?

Er hatte schon davon gehört,
dass Frauen quasi aus dem Bett aufstehen
und wissen, dass sie befruchtet worden sind.

Ihm wurde noch heißer.

Er ging einfach schon mal weiter
und landete in der Schlafzimmer-Abteilung.

Auf einem sicher zwei Meter breiten Doppelbett
lag eine Decke in genau der gleichen Bettwäsche,
in der sie heute Morgen gefickt hatten.

Eigentlich logisch,
dass Sandra bei Ikea einkaufte.

Sie hatte ihn eingeholt
und lächelte zweideutig beim Blick auf dieses Bett,
ließ sich entspannt darauf fallen,
als wolle sie es hier und jetzt noch mal treiben.

Die kleine Depression verwandelte sich
in eine Panikattacke.

Um Tom bildete sich eine Wolke,
die ihn ersticken würde,
wenn er sich nicht hier und jetzt retten würde.

Er setzte sich neben Sandra auf das Bett,
beugte sich zu ihr herunter
und sagte:
„Es tut mir leid, aber mein Heiratsantrag war ein Irrtum.“

Ohne auf ihre Reaktion zu warten
stand er auf
und rannte durch die stickigen Konsumgänge
zum Ausgang.

Geilheit war eben einfach nur Geilheit.

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