Sehen

Im Aktzeichensaal

Ferdinand Freiherr von der Ferne

Ja, jetzt stehe ich da. Als Akt-Modell – als männliches Aktmodell. Auf einem Podest inmitten von – ja, von Kunststudentinnen! Fragt mich nicht, warum es nur Frauen sind, die hier in diesem Akt-Zeichenkurs der Kunstakademie anwesend sind. Weil es sich um einen männlichen Akt handelt? Und womöglich steht in einem anderen Kunstraum ein weibliches Akt-Modell jungen Männern zur Verfügung? Hat sich das irgendein Prof. ausgedacht? Weiß der Teufel, aber es ist nunmal so. Mir eigentlich auch egal, schämen tue ich mich jedenfalls nicht vor diesen Damen –, jungen, und auch reiferen Frauen. Künstler sind ja eh eine andere Spezies als andere Menschen, da kann ich als Musiker auch ein Liedchen dazu singen. Na, zeichnet mal schön, ich werde ja auch nicht schlecht bezahlt. – Wie die Blonde hier vorn mich anblickt… Sie schaut immer wieder in meine Augen, obwohl sie doch meinen Körper zeichnen soll… tut sie ja wohl auch. Ja, auch. Aber unser Augenkontakt ist nicht von der Hand zu weisen. Die anderen Frauen schauen – was ich bisher so mitbekommen habe – allein auf meinen Körper –; und zeichnen, wie es sich gehört. Die Blonde aber –, jetzt schon wieder! Und dann muß sie sich auch immer wieder in ihren Ausschnitt reingreifen um sich dort zu kratzen… Was soll das? Und ihr Ausschnitt weitet sich dadurch. Sie muß einen enormen Busen haben, das sieht man von hier aus sehr gut –, ja, jetzt gerade ganz besonders. Sie hat ihren Stift beiseite gelegt und hantiert gerade mit beiden Händen an ihren Brüsten –, so als wolle sie diese wieder zurechtrücken, weil sie etwas in Unordnung geraten sind. In der Tat sind sie das, denn ihr Ausschnitt zeigt mir jetzt ihre Brüste nahezu zur Hälfte in Natura! Wow, ich muß wegschauen, sonst… – „Den Kopf bitte wieder zurück in Ausgangsposition!“ – Oh nein, die Kurzhaarige dahinten, mit ihren Anweisungen – immer die! Ok, aber ich gerate in Gefahr den Ausschnitt der Blonden… Jetzt lächelt sie mir auch noch zu… dieses freche Ding! Hübsches Ding. Würde mir schon gefallen. Oh nein, mein bestes Stück beginnt zu spannen… Bitte nur das nicht…! – „Ein wenig mehr aufrecht bitte –, wir kommen nun zu Position Zwei.“ – Die Kunstprofessorin hat eine Lispelstimme… und so hoch wie eine hysterische Sirene. Wie soll ich jetzt in Position Zwei, wenn die Spannung… Atme, atme Alter und laß ihn schlapp bleiben – bitte! Puh, das ging gerade nochmal gut… so gut wie ich in Zeitlupentempo von Position Eins auf Zwei übergegangen bin… Aber jetzt sieht jede mein bestes Stück im Ganzen. Wahrscheinlich legen sie gerade alle los, dieses zeichnerisch in Angriff zu nehmen. Und die Blonde lacht wieder so komisch… Und nein… schau weg Alter… schau weg… nein… sie zieht – aber warum sitzt sie auch in der ersten Reihe? – sie zieht mit beiden Händen jetzt an ihrem Ausschnitt runter… und bückt sich herunter und näher zu mir heran… ich kann da jetzt ganz tief… reinschauen... Nein… und die verflixte Spannung in meinem… beginnt wieder… nein! Nicht in dieser verfänglichen Position Zwei…! Nein… bloß nicht…!

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