Sehen

Im Park

Ferdinand Freiherr von der Ferne

Es war letzten Dienstag,
ich saß in der Sonne
auf der Parkbank
die ich so sehr mag,
weil sie einen herrlichen Blick
auf den Teich
mit den hohen Bäumen bietet.

Ich war wohl sehr in Gedanken versunken,
denn ich schaute erst
zu der jungen Frau auf,
die auf mich zuging,
als sie schon dicht vor mir stand
und fragte,
ob sie sich dazusetzen dürfe.

Oh ja, gern, sagte ich,
und schaute sie mir,
während sie sich setzte,
etwas genauer an.

Seltsam. Sie war nur
mit einem dünnen hellen Kleid bekleidet
und hatte auch keine Schuhe an.
Die Sonne schien sehr warm.

Zunächst schauten wir beide
schweigend auf den Teich,
bis ich sie nach einiger Zeit
nach ihrem Namen fragte,
und ihr meinen nannte.

Nathalia, sagte sie.

Dann schwiegen wir einige Zeit weiter,
sahen auch auf,
zu den Bäumen.
Ihr langes offenes blondes Haar
wehte im leichten Wind.

Ich bin ein Mann im vorgerückten Alter,
der kurz vor seiner Pension steht,
und ein junges Mädchen,
eine junge Frau –
sie mag vielleicht nicht einmal 18 Jahre alt sein,
setzt sich zu mir.

Seltsam.

Sie schaute mich auf einmal von der Seite an,
lächelte
und sagte:
Clemens,
ich kenne dich.

Verdutzt schaute ich sie an
und fragte,
woher?

Ich weiß, daß du dein Leben lang
den Frauen zugetan warst –
ohne eine Art Don Juan zu sein.

Du hast einfach die Frauen geliebt.

Dich mit ihnen in besonderem Maße beschäftigt,
weil du hinter das Geheimnis
der Weiblichkeit kommen wolltest.

Das traf mich mitten in meine Brust.

Sie sprach wie mir aus dem Herzen.

Ja, sagte ich,
kein großes Wunder,
ich bin Schriftsteller,
und das Hauptthema meiner Literatur,
war genau das,
was du gerade von mir gesagt hast –,
aber wie kommst du darauf?

Weil ich du bin, sagte sie leise.

Erst jetzt drehte ich mich
so zu ihr zur Seite,
dass ich sie frontal anschauen konnte.

Ihr junger Körper schimmerte
von der Sonne
durch ihr helles Kleid durch,
und ich sah,
daß sie darunter
nichts anhatte.

Ihr Kleid hatte auch
so etwas Altertümliches,
ja, es war wie das Kleid
des Sterntaler-Kindes.

Du bist ich? wiederholte ich ihre Antwort.

Ja, du bist ich –
und ich bin auch du.

Nun schaute ich mich
eingehend um,
auf die Parkwege,
die Bäume,
den Teich,
den blauen Himmel –,
ist hier etwas Übernatürliches im Gange?

Ja, das mußte wohl der Fall sein.

Denn sie redete nun los –
wie ein Wasserfall,
von ihrer Weiblichkeit,
und meiner Männlichkeit.

Sie sprach vieles in meinem Sinne
und aus meiner Sicht –
und ich wunderte mich sehr darüber,
wie sie alles richtig darstellte,
so als würde sie mich
seit jeher gut kennen.

Ja, so wie sie mich zeichnete,
so war ich wirklich!

Und sie – sie stellte ihre Person,
ihre Weiblichkeit,
so dar,
wie ich mir eine Frau vorstellte,
die…
ja, wenn ich…
eine Frau wäre –
hätte sein wollen.

Lange haben wir geredet,
und der Abend war schon
mit Dämmerlicht
und leichter Kühle zu spüren,
und ich war noch immer nicht
hinter Natalias Geheimnis gekommen.

Da stand sie plötzlich auf,
gab mir zum Abschied die Hand
und sagte:
Ich bin dein weibliches Ich.

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