Sehen

Im zweiten Stock

Ferdinand Freiherr von der Ferne

Seid ihr schonmal
von einer Dame
verführt worden
–, liebe Männer?

Liebe JUNGE Männer,
möchte ich unterstreichen.
Ich leg dann mal los.

Also, es ist ja schon lange her
– ich bin nun selbst schon
in einem etwas vorgerückten Alter,
aber seinerzeit war ich siebzehn
– oder gerade achtzehn;
so genau weiß ich´s nicht mehr.

Jedenfalls wohnten wir
in einem alten großen Mietshaus
im Berliner Wedding,
oberstes Stockwerk.

Meine Eltern, meine um zwei Jahre älteren Zwillingsschwestern
und ich.

Weil ich ein Junge war,
mußte ich natürlich
die meisten Besorgungen erledigen.

Die schwereren Einkäufe,
das Kohlen raufschleppen
aus dem Keller
und so weiter.

Im zweiten Stock wohnte besagte Dame.

Eine sehr auf Vornehmheit bedachte,
ältere Dame,
von – ich sag mal,
sie war so Ende vierzig,
denke ich.

Aber überaus attraktiv.

Das erkannte ich sogar schon
mit meinen 17 oder 18 Jahren.

Ich weiß nicht wie sie mich immer so regelmäßig abpassen konnte,
wenn ich von unten
durch die Haustür nach oben,
oder von unten aus dem Keller kommend,
nach oben ging.

Weil, fast jedes Mal
wenn ich auf ihrer Etage angelangt war
und an ihrer Tür vorbei,
weiter nach oben steigen wollte,
ihre Wohnungstür aufging
und sie sich mir zeigte.

Und jedesmal mit einer erotischen Finesse.

Das erste Mal erschien sie
in einem langen Morgenrock
und rosa Pantöffelchen.

Ihr Morgenrock war so lässig
mit einer Kordel vorn zugehalten,
so daß ich nicht nur deutlich viel
von ihrem Körper sehen konnte,
sondern vor allem
–, ja, sie war darunter nackt.

Puh, das gab mir Hitze.

Sie sagte nichts anderes als:
„Oh,
Du bist es Kleiner,
ich dachte es wäre der Briefträger.“

Und schon schloß sie wieder die Tür.

Ein anderes Mal, als ihre Tür sich auftat,
stand sie in einem einfachen leichten Kleid da,
sagte mir einen guten Morgen,
und –, hob es einfach in die Höhe,
so daß ich ihre Unterwäsche sehen konnte.

Puh, ich wurde wohl rot im Gesicht,
grüßte verlegen zurück
und stieg weiter die Treppe herauf.

Tags darauf, ich war schon auf ein weiteres von ihr gefaßt,
denn diese Nummern gingen schon
seit etwa zwei weiteren Wochen
– mit wechselnden erotischen Finessen
–, ging wieder ihre Tür auf,
als ich an ihre Wohnung vorbei wollte,
und sie stand wieder mit demselben Kleid da
– es war ein dünnes hellblaues Sommerkleid.

Sie hob wieder das Kleid ganz in die Höhe
und – sie hatte diesmal keine Unterwäsche an.

Puh, was sollte ich tun?

So als wenn nichts wäre?

Sie kam mir zuvor mit der Frage:
„Willst Du nicht auf einen Sprung
bei mir hereinkommen?
Ich habe gerade einen Kaffee aufgesetzt.“

Na was hättet ihr denn gemacht?

Natürlich ging ich rein.

Stellte zuvor noch die beiden vollen Kohleneimer
neben ihrer Tür ab,
trat hinein,
und sie verschloß die Tür
mit einer Kette.

Ich werde den Teufel tun
und euch jetzt Einzelheiten zu schildern.

Aber ihr könnt mir glauben:
es war nicht nur
der erotischste Nachmittag meines Lebens,
sondern ich habe in dieser kurzen Zeit
mehr von ihr gelernt,
als die Jahre danach
mit meinen Freundinnen,
drei an der Zahl,
mit denen ich im Zeitraum von etwa zehn Jahren
gegangen bin.

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