Sehen
In der Anwaltskanzlei Schimanski, am Donnerstag, den 3. Mai 1968
Fräulein Bäckchen war eine zierliche Sekretärin.
Relativ klein und von schlanker Figur,
19 Jahre alt,
mit einem hübschen Gesicht,
dessen Wangen ein wenig zur Pausbäckigkeit neigten.
Von daher hatte sich ihr Chef,
Rechtsanwalt Dr. Norbert Schimanski,
ein übergewichtiger Mittfünfziger mit Halbglatze,
sich nahezu täglich den Scherz erlaubt,
Fräulein Bäckchen zum Ende des Frühdiktats,
leicht in ihre linke Wange zu kneifen.
Scherzhaft natürlich.
Und mit der dämlichen Bemerkung:
„Na das haben wir aber mal wieder gut hingekriegt,
nicht war, Bäckchen?“
Das war die Höhe! Ohne das „Fräulein“ vorzusetzten!
Mich einfach nur Bäckchen nennen.
Frechheit!
Ein wenig schämte sich Fräulein Bäckchen schon
für ihren Nachnamen,
aber was sollte sie machen?
Sie hätte ja so gerne Hans-Günther schon geheiratet,
dann hieße sie jetzt Frau Susanne Kapteina.
Aber der wollte noch nicht,
viel zu früh Susi,
sagte der.
Und wir haben nicht genug Geld.
Aber das mit dem Morgendiktat,
das mit dem Wangenkneifen,
mußte aufhören!
Zumal Dr. Schimanski es auch nicht dabei beließ.
Es kam nicht selten vor,
daß er Fräulein Bäckchen hin und wieder mal anfaßte,
so auf doof –
mal leicht um die Taille faßte,
mal unbekümmert ans Knie tätschelte
und vorige Woche sogar,
ihr unter den kurzen Rock –
an den Schlüpfer!
Ja, an den Schlüpfer unter ihrem Rock!
Das heißt:
er hat sie leicht an den Arsch gefaßt!
Und sowas soll man sich weiter bieten lassen?
Nee, Herr Schimanski,
nicht mit Fräulein Bäckchen!
– Dann kam der Tag an dem es zunächst wie üblich
zum morgendlichen Diktat ging
und Dr. Schimanski diktierte und diktierte,
und Fräulein Bäckchen saß gleich neben seinem großen Schreibtisch
mit ihrem Stenoblock –,
mit dem Rücken zur Tür.
Dr. Schimanski ging derweil im Zimmer auf und ab,
und ab und zu blieb er direkt und ganz nah
vor Fräulein Bäckchen stehen,
diktierte weiter
und tat einen genüßlichen Blick in ihren Ausschnitt.
Fräulein Bäckchen mußte einen schönen üppigen Busen haben!
Plötzlich ging die Bürotür auf
und Fräulein Bäckchen hörte die Stimme
von Frau Schimanski hinter sich –,
eine kleine, dickliche häßliche Person:
„Norbert! Ich bin auf dem Weg…“
und ihr weiteres Blah-Blah
wartete Fräulein Bäckchen gar nicht erst ab.
Sie legte den Stenoblock auf den Schreibtisch,
erhob sich,
stand somit direkt vor Dr. Schimanski
und griff diesem kräftig und schmerzhaft in die Eier.
Doch so, daß es Frau Schimanski nicht sehen konnte.
Norbert Schimanski entfuhr ein wehklagendes „AAAAHH…!“,
woraufhin Frau Schimanski erwiderte:
„Aber Norbert, was hast Du denn?“
Fräulein Bäckchen hielt jedoch ihre Beute fest im Griff,
mit der Bemerkung:
„Herr Schimanski, wollen wir damit aufhören?“
„Ja, hören wir mit dem Diktat auf, Fräulein Bäckchen!“
„Nicht nur mit dem Diktat Herr Schimanski, verstehen Sie?“
„Ja doch, das machen wir so!“
„Von jetzt an gar nicht mehr, ja?“
„Ja doch, einverstanden Fräulein Bäckchen, ich hab´s doch gesagt!“
– Und langsam löste sich der Griff Fräulein Bäckchens.
Frau Schimanski fand die Situation seltsam
und fragte Fräulein Bäckchen
was sie genau gemeint hatte.
„Fragen Sie Ihren Mann,
der weiß es noch besser als ich –,
es ist nur was Harmloses,
Scherzhaftes,
was wir gerade beschlossen haben,
ein für alle Mal zu beenden,
nicht wahr Herr Schimanski?
Ist gar nicht erwähnenswert,
oder doch Herr Schimanski?“
– „Norbert, ich gehe jetzt.
Aber heute Abend will ich das,
was nicht erwähnenswert ist,
von Dir hören, ja?“
Und damit schlug die Tür zu
und Frau Schimanski war verschwunden.
Herr Dr. Norbert Schimanski aber,
war puterrot geworden,
als Fräulein Bäckchen noch sagte:
„Oder soll ICH Ihrer Frau gegenüber
das nicht Erwähnenswerte erwähnen?“