Sehen

In der Welt des Glücksspiels

Charles Haiku

Sie hieß sie da,
die Schwarze mit den endlos langen Beinen,
die sich wie zwei glänzende Peitschen
um die Barhocker schlangen.

Nicht irgendeine Edelnutte aus dem Prospekt, nein,
eine von der Sorte,
die schon beim Reingehen weiß,
dass heute wieder ein Trottel wie ich anbeißen wird.

Der enge Lederrock rutschte hoch, wenn sie lachte,
und ihr Dekolleté war ein einziges Versprechen,
das sie nie einlösen würde.

Billige Hure im Film, dachte ich,
genau so eine,
die den Helden ausnimmt
und dann mit dem Geld durchbrennt.

Sie roch nach zu viel billigem Sekt,
dieser süß-sauren Wolke,
die einem sagt:
Hier hat jemand schon mittags angefangen
und hört nie wieder auf.

Ihre Augen glitzerten glasig, aber berechnend,
als sie mir zuzwinkerte
und fragte, ob ich ihr einen ausgeben wolle.

Klar, warum nicht.
Ich war ja der Typ,
der glaubt,
mit ein paar Chips und einem charmanten Grinsen
könne man die Welt erobern.

Sie nannte sich Jade oder so einen Scheiß,
wahrscheinlich hieß sie wirklich Bärbel aus Gelsenkirchen,
aber wen interessierte das schon.

Wir setzten uns an den Roulette-Tisch.
Sie legte ihre Hand auf meinen Oberschenkel,
ganz zufällig,
während der Croupier die Kugel warf.

„Rot kommt“, hauchte sie mir ins Ohr,
und ihr Atem war eine Mischung
aus Minzbonbon und purem Alkohol.

Ich setzte alles auf Rot,
weil ihre Nägel rot lackiert waren
und sich in meinen Schenkel gruben.

Schwarz kam.
Natürlich.

Sie lachte dieses tiefe, rauchige Lachen,
das einem sagt:
Du bist erledigt, Kleiner.

Eine Stunde später
war mein Stapel Chips auf die Größe eines Häufchens Elend geschrumpft.

Sie hatte mir die ganze Zeit Geschichten erzählt –
von reichen Arabern, die sie in Dubai flachgelegt hatten,
von Yachten und Diamanten –,
und ich hatte genickt wie ein Idiot,
während sie mir immer wieder nachschenkte.

Billiger Sekt, der in der Kehle brannte wie billige Liebe.

Ihre Hand wanderte höher,
streifte meinen Schritt,
und ich dachte:
Jetzt zahlt sich’s aus.
Jetzt nimmt sie mich mit aufs Zimmer
und zeigt mir, wofür Gott Beine erfunden hat.

Stattdessen stand sie auf,
küsste mich auf die Wange –
feucht, klebrig, nach Sekt und billigem Parfüm –
und sagte:
„War schön mit dir, Süßer.
Aber ich muss mal kurz wohin.“

Sie verschwand in Richtung Toilette,
mit meiner Brieftasche in der Handtasche,
die sie die ganze Zeit zwischen ihren Schenkeln geklemmt hatte
wie ein Geheimnis.

Ich saß da,
starrte auf den leeren Platz neben mir,
wo gerade noch diese schwarze Göttin gesessen hatte,
und bestellte mir einen Doppelten.
Ohne Eis.

Die Rechnung zahlte ich mit der Kreditkarte,
die sie mir gelassen hatte.
Als Andenken.

Am Ende des Abends
war ich pleite, betrunken
und hatte immer noch eine Latte.

Aber wenigstens etwas,
das sie mir nicht geklaut hatte.

Draußen regnete es.

Ich stand unter dem Vordach,
zündete mir eine an
und dachte:
Nächstes Mal nehme ich die Rothaarige.
Die sehen wenigstens ehrlich aus,
wenn sie lügen.

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