Sehen
in Handschellen aus Samt
Sie ist meine persönliche Bewährungshelferin,
nur dass sie statt Aktenordner
ein Dekolleté trägt und statt
Paragraphen ihre Laune.
Jeden Morgen checkt sie, ob
ich auch brav war:
Habe ich gestern Abend noch schnell
die Nachbarin angelächelt?
Drei Tage Hausarrest ohne Küssen.
Habe ich vergessen, ihr zu schreiben,
dass sie die Schönste ist,
obwohl sie das seit Jahren täglich hört?
Sofortiger Entzug von Zärtlichkeit,
plus stundenlanges Verhör, warum ich
sie eigentlich nicht genug liebe.
Mein eigenes Sofa ist die Anklagebank
und ich sitze drauf.
Sie in der Richterrobe aus Seidennegligé,
und ich darf erklären, warum mein Blick
zwei Sekunden zu lange an der Bedienung
im Café hing.
Beweismittel: ein Foto, das sie heimlich
gemacht hat.
Urteil: schuldig im Sinne der Anklage.
Strafe: drei Nächte auf der Couch,
plus tägliche Liebesbekundung per SMS,
mindestens 280 Zeichen, Emojis zählen nicht.
Früher dachte ich, Liebe sei ein Tandem.
Heute weiß ich: Es ist ein Einzelkäfig
mit Besuchstag.
Sie hat den Schlüssel, ich habe die Hoffnung,
dass sie ihn irgendwann verliert –
am besten in ihrem eigenen Ausschnitt,
da sucht sie nämlich nie.
Sie verlangt totale Unterwerfung, aber wehe,
ich kniee wirklich, dann ist es ihr plötzlich
zu devot.
„Sei doch mal ein Mann!“ –
Ja, klar, einer, der bitte schön genau
die richtige Dosis Mann ist,
nicht zu viel, nicht zu wenig,
so wie ihr Kaffee: zwei Zucker,
ein Schuss Milch, und wenn er nicht exakt
72 Grad hat, kippt sie ihn mir über den Kopf.
Ich habe schon überlegt, ob ich einfach abhaue.
Aber dann ruft sie an, flüstert
„Komm her, ich vermisse dich“
mit dieser Stimme, die klingt, als würde sie gerade
mein Rückgrat lutschen, und schwupps bin ich wieder da,
auf Knien, in Handschellen aus Samt
und bettle um Gnade.
Dabei will sie gar keine Gnade.
Sie will mich klein.
Klein und süchtig.
Klein, süchtig und dankbar,
dass sie mich überhaupt noch erträgt.
Deshalb frage ich mich ernsthaft:
Lohnt sich ein bisschen Liebe wirklich,
wenn der Preis mein komplettes Rückgrat ist?
Andererseits – ohne sie hätte ich ja wieder eins.
Und wer will das schon.
Ist ja auch nur ein mühsames Leben dann.
Und so ganz ohne Sex.